GfA - KulturWelten

Dr. Dr. Brigitte E.S. Jansen

Eine Person zu viel

Eine Sonderfolge zu Halloween

31.10.2026 5 min

Zusammenfassung & Show Notes

 
GfA Kulturwelten 
Kunst, Musik und Kulturgeschichte, ein Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Reihen wechseln, bisher unter anderem eine Serie zur Kunst der Kunstbewertung und eine zur Geschichte des Tango Argentino, von den Anfängen in Buenos Aires bis nach Paris. Zu jeder Folge gibt es ausführliche Shownotes mit Literaturangaben, für alle, die weiterlesen wollen. 
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe u.a. von Brigittes geclonter Stimme und von KI-Stimmen.

 Auf einem Dachboden liegt ein altes Familienalbum. Auf der vorletzten Seite steht ein Paar im Sonntagsstaat, aufgenommen 1898. Zwischen den beiden schimmert ein blasses Kindergesicht. Das Kind ist fünf Jahre vor diesem Foto gestorben. Eine Halloween-Geschichte über die Geisterfotografie des 19. Jahrhunderts, den Fotografen William Mumler und unseren Wunsch nach Bildern, auf denen niemand fehlt. Zählen Sie beim nächsten Blick ins Album ruhig einmal nach. 

 Mehr von der Gesellschaft für Arbeitsmethodik 
Der Verein und seine übrigen Angebote: gfaev.de 
Unsere anderen Podcastreihen: 
GfA – Der Podcast · Kybernetik, Systemtheorie und die Frage nach dem Bewusstsein der Maschinen: gfa-ev.com 
Beyond the Algorithm (englisch) · Dieselben Fragen auf Englisch, ein Denker pro Folge, von Spencer-Brown bis Bateson: bta.global-future-association.com 
Gut zu Wissen: KI & SEO Insights · Künstliche Intelligenz, Suche und strukturierte Daten, näher an der täglichen Praxis: gfaev.eu 
GfA- Aktuelle und historische Vorträge · aus dem Verband: gfa-web.de 

Transkript

GfA Kulturwelten. Heute eine kleine Sonderfolge zu Halloween – eine Geschichte über ein Foto, auf dem jemand zu sehen ist, der nicht da war. Marta räumt den Dachboden ihrer Großtante aus. Kisten mit Tischwäsche, ein Bügeleisen ohne Stecker, Briefe mit verblichenen Bändchen. Und ganz unten ein Album, in Leinen gebunden, die Ecken abgestoßen. Sie blättert. Hochzeiten, Konfirmationen, ein Ausflug an die See. Gesichter, die sehr ernst in die Kamera schauen. Auf der vorletzten Seite: ein Paar im Sonntagsstaat, im Atelier vor einer gemalten Säule. Und zwischen den beiden, ein wenig nach hinten versetzt, eine dritte Gestalt. Hell, fast durchsichtig. Ein Kindergesicht. Auf der Rückseite steht in Bleistift: Mit unserer Anna. Achtzehnhundertachtundneunzig. Marta weiß, dass die beiden eine Tochter hatten, die Anna hieß. Sie ist mit drei Jahren gestorben. Fünf Jahre vor diesem Foto. Marta klappt das Album zu. Dann wieder auf. Die Gestalt ist noch da. Unten im Haus schlägt eine Tür. Der Wind, vermutlich. Marta zuckt trotzdem zusammen. Sie nimmt das Album mit in die Küche, legt es unter die Lampe und schaut lange hin. Das Kindergesicht lächelt nicht. Es schaut nur. Und zwar nicht in die Kamera, sondern zur Mutter. Was sie da in der Hand hält, hat eine Vorgeschichte, und die ist wahr. Anfang der achtzehnhundertsechziger Jahre arbeitet in Boston ein Graveur namens William Mumler, der nebenbei fotografiert. Auf einem Selbstporträt entdeckt er neben sich eine blasse Gestalt. Zuerst hält er sie für den Rest eines älteren Bildes – Glasplatten wurden damals gereinigt und wiederverwendet. Doch dann erzählt er eine andere Geschichte: Es sei der Geist einer verstorbenen Cousine. Spiritistische Kreise sind begeistert. Die Geisterfotografie ist geboren. Mumler macht daraus ein Geschäft. Zu ihm kommen Menschen, die jemanden verloren haben, und sie zahlen gut. Achtzehnhundertneunundsechzig steht er in New York wegen Betrugs vor Gericht. Fotografen sagen aus, dass sich solche Bilder mit einer Doppelbelichtung mühelos herstellen lassen. Einer fertigt zur Vorführung sogar ein Porträt des Schaustellers Barnum an, hinter dem der Geist von Abraham Lincoln schwebt. Mumler wird trotzdem freigesprochen. Und dann kommt eine Wendung, die fast zu viel ist für eine Geistergeschichte. Anfang der achtzehnhundertsiebziger Jahre sitzt in seinem Atelier in Boston eine Witwe, angemeldet unter falschem Namen. Auf dem Abzug steht eine Gestalt hinter ihr und scheint sie zu umarmen. Die Witwe ist Mary Todd Lincoln. Warum haben so viele Menschen an diese Bilder geglaubt? Ich glaube nicht, dass sie einfach leichtgläubig waren. Die Fotografie galt damals als das Medium der Wahrheit schlechthin. Ein Gemälde konnte schmeicheln. Ein Foto, so dachte man, konnte nicht lügen – es war ja ein chemischer Abdruck des Lichts. Und was das Licht auf die Platte bringt, das muss doch da gewesen sein. Genau diese Gewissheit hat die Geisterfotografie ausgenutzt. Und genau diese Frage begleitet uns durch die ganze Fotostaffel: Wie viel Wirklichkeit steckt in einem Bild? Und wie viel von dem, was wir sehen wollen? Marta hat das Foto später einer Restauratorin gezeigt. Die Antwort war nüchtern. Doppelbelichtung, sehr wahrscheinlich ganz bewusst im Atelier gemacht. Man sieht es, wenn man weiß, wonach man suchen muss: Durch das Kindergesicht hindurch schimmert die gemalte Säule. Vielleicht hatten die Eltern ein altes Bild von Anna mitgebracht, und der Fotograf hat es hineinkopiert. Marta war erleichtert. Ein bisschen. Denn eines konnte die Restauratorin nicht erklären. Warum auf der Rückseite nicht steht: Zur Erinnerung an Anna. Sondern: Mit unserer Anna. Als wäre sie an diesem Tag einfach mitgekommen. Vielleicht ist das die eigentliche Geistergeschichte. Nicht, dass ein Bild lügen kann. Sondern dass Menschen sich so sehr ein Bild wünschen, auf dem niemand fehlt. Das war die Halloween-Sonderfolge der GfA Kulturwelten. Unsere Fotostaffel geht wie gewohnt weiter. Mehr von der Gesellschaft für Arbeitsmethodik finden Sie unter gfaev.de. Und falls Sie heute Nacht noch ein altes Album aufschlagen: Zählen Sie ruhig einmal nach.

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