Eine Person zu viel
Eine Sonderfolge zu Halloween
31.10.2026 5 min
Zusammenfassung & Show Notes
GfA Kulturwelten
Kunst, Musik und Kulturgeschichte, ein Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Reihen wechseln, bisher unter anderem eine Serie zur Kunst der Kunstbewertung und eine zur Geschichte des Tango Argentino, von den Anfängen in Buenos Aires bis nach Paris. Zu jeder Folge gibt es ausführliche Shownotes mit Literaturangaben, für alle, die weiterlesen wollen.
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe u.a. von Brigittes geclonter Stimme und von KI-Stimmen.
Auf einem Dachboden liegt ein altes Familienalbum. Auf der vorletzten Seite steht ein Paar im Sonntagsstaat, aufgenommen 1898. Zwischen den beiden schimmert ein blasses Kindergesicht. Das Kind ist fünf Jahre vor diesem Foto gestorben. Eine Halloween-Geschichte über die Geisterfotografie des 19. Jahrhunderts, den Fotografen William Mumler und unseren Wunsch nach Bildern, auf denen niemand fehlt. Zählen Sie beim nächsten Blick ins Album ruhig einmal nach.
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Transkript
GfA Kulturwelten.
Heute eine kleine Sonderfolge zu
Halloween – eine Geschichte über ein Foto,
auf dem jemand zu sehen
ist, der nicht da war.
Marta räumt den Dachboden
ihrer Großtante aus.
Kisten mit Tischwäsche, ein
Bügeleisen ohne Stecker,
Briefe mit verblichenen Bändchen.
Und ganz unten ein Album, in Leinen
gebunden, die Ecken abgestoßen.
Sie blättert.
Hochzeiten, Konfirmationen,
ein Ausflug an die See.
Gesichter, die sehr ernst
in die Kamera schauen.
Auf der vorletzten Seite:
ein Paar im Sonntagsstaat,
im Atelier vor einer gemalten Säule.
Und zwischen den beiden, ein wenig nach
hinten versetzt, eine dritte Gestalt.
Hell, fast durchsichtig.
Ein Kindergesicht.
Auf der Rückseite steht in
Bleistift: Mit unserer Anna.
Achtzehnhundertachtundneunzig.
Marta weiß, dass die beiden eine
Tochter hatten, die Anna hieß.
Sie ist mit drei Jahren gestorben.
Fünf Jahre vor diesem Foto.
Marta klappt das Album zu.
Dann wieder auf.
Die Gestalt ist noch da.
Unten im Haus schlägt eine Tür.
Der Wind, vermutlich.
Marta zuckt trotzdem zusammen.
Sie nimmt das Album mit in die Küche, legt
es unter die Lampe und schaut lange hin.
Das Kindergesicht lächelt nicht.
Es schaut nur.
Und zwar nicht in die
Kamera, sondern zur Mutter.
Was sie da in der Hand hält, hat eine
Vorgeschichte, und die ist wahr.
Anfang der achtzehnhundertsechziger
Jahre arbeitet
in Boston ein Graveur
namens William Mumler,
der nebenbei fotografiert.
Auf einem Selbstporträt entdeckt
er neben sich eine blasse Gestalt.
Zuerst hält er sie für den
Rest eines älteren Bildes
– Glasplatten wurden damals
gereinigt und wiederverwendet.
Doch dann erzählt er
eine andere Geschichte:
Es sei der Geist einer
verstorbenen Cousine.
Spiritistische Kreise sind begeistert.
Die Geisterfotografie ist geboren.
Mumler macht daraus ein Geschäft.
Zu ihm kommen Menschen, die jemanden
verloren haben, und sie zahlen gut.
Achtzehnhundertneunundsechzig steht er
in New York wegen Betrugs vor Gericht.
Fotografen sagen aus,
dass sich solche Bilder mit einer
Doppelbelichtung mühelos herstellen lassen.
Einer fertigt zur Vorführung sogar ein
Porträt des Schaustellers Barnum an,
hinter dem der Geist von
Abraham Lincoln schwebt.
Mumler wird trotzdem freigesprochen.
Und dann kommt eine Wendung, die fast
zu viel ist für eine Geistergeschichte.
Anfang der achtzehnhundertsiebziger Jahre
sitzt in seinem Atelier
in Boston eine Witwe,
angemeldet unter falschem Namen.
Auf dem Abzug steht eine Gestalt
hinter ihr und scheint sie zu umarmen.
Die Witwe ist Mary Todd Lincoln.
Warum haben so viele Menschen
an diese Bilder geglaubt?
Ich glaube nicht, dass sie
einfach leichtgläubig waren.
Die Fotografie galt damals als das
Medium der Wahrheit schlechthin.
Ein Gemälde konnte schmeicheln.
Ein Foto, so dachte
man, konnte nicht lügen
– es war ja ein chemischer
Abdruck des Lichts.
Und was das Licht auf die Platte
bringt, das muss doch da gewesen sein.
Genau diese Gewissheit hat die
Geisterfotografie ausgenutzt.
Und genau diese Frage begleitet
uns durch die ganze Fotostaffel:
Wie viel Wirklichkeit
steckt in einem Bild?
Und wie viel von dem,
was wir sehen wollen?
Marta hat das Foto später
einer Restauratorin gezeigt.
Die Antwort war nüchtern.
Doppelbelichtung, sehr wahrscheinlich
ganz bewusst im Atelier gemacht.
Man sieht es, wenn man weiß,
wonach man suchen muss:
Durch das Kindergesicht hindurch
schimmert die gemalte Säule.
Vielleicht hatten die Eltern ein
altes Bild von Anna mitgebracht,
und der Fotograf hat es hineinkopiert.
Marta war erleichtert.
Ein bisschen.
Denn eines konnte die
Restauratorin nicht erklären.
Warum auf der Rückseite nicht
steht: Zur Erinnerung an Anna.
Sondern: Mit unserer Anna.
Als wäre sie an diesem
Tag einfach mitgekommen.
Vielleicht ist das die
eigentliche Geistergeschichte.
Nicht, dass ein Bild lügen kann.
Sondern dass Menschen sich so sehr ein
Bild wünschen, auf dem niemand fehlt.
Das war die Halloween-Sonderfolge
der GfA Kulturwelten.
Unsere Fotostaffel geht
wie gewohnt weiter.
Mehr von der Gesellschaft für
Arbeitsmethodik finden Sie unter gfaev.de.
Und falls Sie heute Nacht noch
ein altes Album aufschlagen:
Zählen Sie ruhig einmal nach.
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