Fotorealismus - 2: „Die Avantgarde — Wenn die Kamera lügt: Dada, Surrealismus und die Frauen der Moderne
ca. 1916–1945
10.09.2026 58 min
Zusammenfassung & Show Notes
Was passiert, wenn Fotografen aufhören, die Welt abzubilden — und anfangen, sie zu zerlegen? Die zweite Folge erzählt von den Fotomontagen des Dada, von John Heartfields Waffen gegen Hitler, von Man Rays Glastränen und den Fotogrammen Moholy-Nagys. Und sie stellt die Frauen der Avantgarde in den Mittelpunkt: Hannah Höch, Florence Henri, Berenice Abbott, Dora Maar, Claude Cahun — und Lee Miller, die vom Model zur Kriegsfotografin wurde.
GfA Kulturwelten
Kunst, Musik und Kulturgeschichte, ein Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Reihen wechseln, bisher unter anderem eine Serie zur Kunst der Kunstbewertung und eine zur Geschichte des Tango Argentino, von den Anfängen in Buenos Aires bis nach Paris. Zu jeder Folge gibt es ausführliche Shownotes mit Literaturangaben, für alle, die weiterlesen wollen.
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe u.a. von Brigittes geclonter Stimme und von KI-Stimmen.
Man Rays „Les Larmes“ (um 1932): ein Frauengesicht mit Glastränen auf den Wangen — eine der berühmtesten inszenierten Tränendarstellungen der Fotografiegeschichte. Diese Folge fragt: Was gewinnt die Kunst, wenn die Kamera lügt?
Die Stationen:
- Berlin-Dada und die Fotomontage: Raoul Hausmanns Erfindungslegende; Hannah Höchs „Schnitt mit dem Küchenmesser“ (1919–1920) und ihre umkämpfte Teilnahme an der Dada-Messe; John Heartfield — rund 240 politische Montagen für AIZ und VI, „Adolf der Übermensch“ (1932), „Hurrah, die Butter ist alle!“ (1935), „Benütze Foto als Waffe!“ und seine Arbeiten auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1929
- Kamerafreie Fotografie: László Moholy-Nagy und Lucia Moholy machen das Fotogramm zu einem zentralen Medium der fotografischen Avantgarde; Man Rays Rayografien und „Le Violon d’Ingres“ (1924); die Solarisation — Lee Millers Dunkelkammer-Zufall und die Wiederentdeckung des Sabattier-Effekts
- Die Frauen der Avantgarde: Florence Henris Spiegel-Porträts; Berenice Abbott sichert und bewahrt Atgets fotografischen Nachlass und fotografiert „Changing New York“; Dora Maar — „Portrait d’Ubu“ (1936), die einzige Fotografin, die in allen sechs großen internationalen Surrealismus-Ausstellungen der 1930er-Jahre vertreten war; Claude Cahun und Marcel Moore — Selbstmaskeraden, Widerstand auf Jersey, Todesurteil 1944
- Lee Miller als Brückenfigur: Vogue-Model, Man Rays Partnerin, Kriegskorrespondentin — „Believe It“ (Vogue, Juni 1945) und das Badewannen-Foto in Hitlers Wohnung, 30. April 1945
Kerngedanke: Wahrheit braucht Auswahl, und Auswahl braucht Verantwortung — die Avantgarde zeigt, dass das manipulierte Bild die Wirklichkeit manchmal ehrlicher verrät als das Dokument.
Zeitplan:
[00:00] Intro: Man Rays Glastränen · [04:00] Dada und Fotomontage: Höch, Heartfield · [17:00] Fotogramm und Surrealismus: Moholy-Nagy, Man Ray · [30:00] Die Frauen der Avantgarde: Henri, Abbott, Maar, Cahun · [43:00] Lee Miller · [53:00] Schluss und Ausblick auf Folge 3
Kontakt: b@gfaev.de
Literatur und Quellen
Primärtexte und Forschungsliteratur
- Claude Cahun: Aveux non avenus, Paris: Éditions du Carrefour 1930
- László Moholy-Nagy: Malerei, Photographie, Film (Bauhausbücher 8), München: Albert Langen 1925
- Lucia Moholy: A Hundred Years of Photography 1839–1939, Harmondsworth: Penguin Books 1939
- Berenice Abbott und Elizabeth McCausland: Changing New York, New York: E. P. Dutton & Company 1939
- Man Ray: Self Portrait, Boston: Little, Brown and Company 1963
- Dawn Ades: Photomontage (World of Art), London: Thames & Hudson 1976
- David Evans: John Heartfield: AIZ/VI 1930–1938, New York: Kent Fine Art 1992
- Carolyn Burke: Lee Miller: A Life, New York: Alfred A. Knopf 2005
- Jeffrey H. Jackson: Paper Bullets. Two Artists Who Risked Their Lives to Defy the Nazis, Chapel Hill: Algonquin Books 2020
Online-Quellen – Museen und Institutionen
- Metropolitan Museum of Art: „An Overlooked Partnership“ – Man Ray und Lee Miller
- International Spy Museum: „The Paper Bullets of Claude Cahun and Marcel Moore“
- Akademie der Künste Berlin, John-Heartfield-Archiv: Biografie und Werkdokumentation zu John Heartfield
- Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie: Hannah Höch, Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands, 1919
- Museum of Modern Art, Object:Photo: Internationale Ausstellung des Deutschen Werkbunds Film und Foto, Stuttgart 1929
Weitere Online-Quelle
- The New Yorker: „When Lee Miller Took a Bath in Hitler’s Tub“, 2024
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Transkript
Eine Frau schaut nach oben, ihre Wimpern
sind schwer getuscht, ihr Gesicht füllt
den ganzen Bildraum. Auf ihren Wangen
Tränen. Sie glitzern wie, nun ja, wie
Glas. Und genau das sind sie, kleine
Glaskugeln, die jemand sorgfältig auf die
Haut gelegt hat, eine nach der anderen.
Das Foto heißt Le Larme, die Tränen. Es
stammt von Man Ray, entstanden um 1932,
kurz nachdem seine Geliebte und Schülerin
ihn verlassen hatte. Von dieser Frau wird
in dieser Folge noch viel die Rede sein.
In der letzten Folge sind wir der
Fotografie gefolgt, die die Wirklichkeit
so scharf wie möglich zeigen wollte. Die
Welt als Archiv, als Essenz, als Beweis.
Heute erzählen wir die Gegengeschichte.
Die Geschichte der Fotografinnen und
Fotografen, die ausgerechnet dieses
Treueste aller Medien zum Lügen brachten.
Die Bilder zerschnitten, neu
zusammensetzten, ganz ohne Kamera
erzeugten. Und die darauf bestanden, dass
auch der Traum eine Form von Wirklichkeit
hat. Willkommen zur Avantgarde. Willkommen
bei GFA Kulturwelten, dem Podcast über die
großen Fragen der Kunst und ihrer
Geschichte jenseits der Museumsetiketten.
Ich bin Brigitte. Dies ist Folge 2 unserer
Serie Fotorealismus in der Kunst. Die
Avantgarde. Wenn die Kamera lügt. Erinnern
Sie sich an das Theorie-Dreieck aus Folge
1? Krakauer Skepsis? Das Foto häuft nur
Oberflächen an. Benjamins Hoffnung, die
Kamera macht das optische Unbewusste
sichtbar? Und Brechts Einwand, die
eigentlichen Verhältnisse kann man nicht
fotografieren? Die Avantgarde, die wir
heute besuchen, würde auf all das
antworten, genau deshalb. Weil das Foto
nie die ganze Wahrheit sagt, darf man es
getrost zerlegen und neu erfinden. Für sie
ist Realismus kein Programm, sondern
Rohmaterial. Unser Weg führt durch vier
Kapitel. Erstens nach Berlin, ins Jahr
1916, wo der Dadaismus die Fotomontage
erfindet und wo zwei Künstler, eine Frau
und ein Mann, aus Zeitungsschnipseln
Waffenschmieden, Hanna Höch und John
Hartfield. Zweitens in die Dunkelkammern
der 20er Jahre, in denen Man Ray und
Laszlo Moholy-Nagy Bilder ohne Kamera
erscheinen lassen. Drittens zu den Frauen
der Avantgarde, Florence Henry, Berenice
Abbott, Dora Maar und Claude Cahun, die
lange als Fußnoten galten und heute als
Meisterinnen gelten. Und viertens zu Lee
Miller, der Brückenfigur dieser Folge. Vom
Modefoto über den Surrealismus bis an
einen Ort, an dem jede Ästhetik zerbricht.
Nach Dachau, April 1945. Die These, die
ich Ihnen heute anbiete, die Avantgarde
hat den Realismus nicht verraten, sie hat
seine Logik umgedreht. Wenn jedes Foto
eine Entscheidung ist, dann ist auch die
Entscheidung für den Traum eine Wahrheit.
Und manchmal, das werden wir sehen, ist
die inszenierte Lüge ehrlicher als das
scharfe Dokument. 1916 bis 1938 Dada und
die Erfindung der Fotomontage Bilder als
Waffen Zürich, 1916. Mitten im Ersten
Weltkrieg, im neutralen Untergrund des
Cabaret Voltaire, erfinden ein paar junge
Künstler die Antikunst. Dada. Ihre Logik
ist verstört einfach. Eine Zivilisation,
die Maschinengewehre und Giftgas
hervorgebracht hat, hat das Recht auf
schöne Kunst verwirkt. Also? Lärm statt
Musik, Zufall statt Komposition, Schrott
statt Marmor. Und als Dada kurz darauf
Berlin erreicht, das Berlin der
Revolution, der Straßenkämpfe, der
Inflation, bekommt die Antikunst eine
neue, scharfe Klinge. Die Fotomontage. Die
Erfindung, Hausmann und die zerschnittene
Welt. Wer die Fotomontage erfunden hat,
ist bis heute ein Streitpunkt, wie fast
alles bei Dada. Der Berliner Raoul
Hausmann behauptete, die Idee sei ihm 1918
im Urlaub an der Ostsee gekommen. In den
Zimmern des Dorfes hingen Gedenkbilder,
auf denen die Köpfe von
Soldatenfotografien in gemalte Uniformen
montiert waren. Ein beliebter Trick der
Militärfotografen. Hausmanns Geniestreich
war, diesen naiven Trick auf die Welt der
Massenmedien zu übertragen. Man nehme die
Bilder, die uns täglich überschwemmen –
Zeitungsfotos, Reklame, Technikdiagramme,
Schriftzüge – zerschneide sie und setze
sie neu zusammen. So entsteht kein Bild
der Welt mehr, sondern ein Bild des
Bildersturms selbst. Das ist, analytisch
gesprochen, ein revolutionärer Schritt.
Zum ersten Mal wird Fotografie nicht als
Fenster zur Wirklichkeit behandelt,
sondern als Material. Als etwas, das
bereits in der Welt ist, das man
ausschneiden, stören, gegen sich selbst
wenden kann. Die Fotomontage ist der
offene Eingeständnistrick. Sie zeigt ihre
Nähte. Während der piktorialistische
Gummidruck aus Folge 1 alle Spuren
verwischte, um als Malerei durchzugehen,
zeigt die Montage stolz ihre
Schnittkanten. Sie sagt, dieses Bild ist
gemacht. Und darum kann man ihm
misstrauen. Und darum kann man mit ihm
arbeiten. Hanna Höch Das Küchenmesser Die
vielleicht größte Fotomontage der Epoche
stammt nicht von Hausmann, sondern von
einer Frau, die er jahrelang klein zu
halten versuchte, Hannah Höch. Geboren
1889 in Gotha, lernt sie am
Kunstgewerbemuseum in Berlin, arbeitet ab
1916 beim Ullstein Verlag, ausgerechnet im
Verlag der großen Illustrierten, deren
Bilderflut sie bald zerschneiden wird.
Ihre Entwürfe für Stickereien und
Spitzenmuster fließen später direkt in
ihre Collagen ein. Sie ist die einzige
Frau im Berliner Dada-Kreis und die Männer
lassen sie das spüren. George Gross und
John Hartfield wollten sie 1920 von der
ersten internationalen Dada-Messe
ausschließen. Erst Hausmann setzte ihre
Teilnahme durch. Der selbe Hausmann
übrigens, der sich in seinen Memoiren
später daran machte, sie aus der
Bewegungsgeschichte zu tilden. Sie sei,
schrieb er, nie Mitglied des Clubs
gewesen. Ihr Hauptwerk hängt heute in
Berlin, 90 mal 140 Zentimeter groß.
Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch
die letzte Weimarer Bierbauchkultur-Epoche
Deutschlands, 1919. Der Titel ist Programm
und Waffe zugleich. In der rechten oberen
Ecke die Dadaisten und ihre Freunde,
darunter ein Stadtplan mit den Ländern, in
denen Frauen wählen dürfen. Darunter und
daneben Kaiser, Generäle, Industrielle,
Tänzerinnen, Maschinenräder,
Zeitungsfetzen, die ganze zerrissene
Republik als explosiver Bilderhaufen. Und
in der Mitte des Werks, kaum beachtet, der
Satz »Die große Welt Dada«. Was Höck hier
und in den folgenden Jahren macht, geht
über Dada hinaus. Sie zerlegt das Bild der
neuen Frau, wie es die Illustrierten
zeichneten, die Bubikopfraucherin, die
Sportlerin, die Käuferin, und setzt es
gegen sich selbst neu zusammen.
Frauenkörper mit Männerköpfen,
Tänzerinnenbeine an Rädern, die Schönheit
der Reklame als Maschinerie entlarvt. Und
in ihrer Serie aus einem ethnografischen
Museum zwischen 1924 und 1930 montiert sie
europäische Frauenkörper mit afrikanischen
Masken und Skulpturen aus
Museumskatalogen. Eine frühe, bis heute
verstörend aktuelle Kritik am
Kolonialblick, der uns in der letzten
Folge dieser Serie noch einmal begegnen
wird. Höck überlebte den
Nationalsozialismus in Berlin, innen
emigriert, ihr Haus ein Versteck für
verbotene Bilder. Sie arbeitete bis in die
70er Jahre weiter und starb 1978, fast 90,
inzwischen längst zur Ikone geworden.
Heute gilt sie als Erfinderin der
Fotomontage schlechthin. Und die Männer,
die sie ausschließen wollten, sind die
Fußnoten. John Hartfield – Foto als Waffe
Der zweite Berliner Meister der Montage
hat den radikalsten Weg gewählt, den ein
Bild gehen kann. John Hartfield hat aus
der Fotomontage ein Einsatzmittel gemacht
– mit Telefonnummer beim Feind. Geboren
1891 als Helmut Herzfeld, anglisierte er
mitten im Krieg 1916 seinen Namen, John
Hartfield, als Protest gegen den
Hurra-Patriotismus, der alles Englische
verteufelte. Mit seinem Bruder Wieland
Herzfelde und Georges Gros gründet er den
Malik Verlag, wird Dadaist, Bühnenbildner
bei Brecht und Piskator und ab 1930 der
Bildhersteller der Arbeiter Illustrierten
Zeitung, der AIZ, der auflagenstärksten
linken Wochenzeitung des Landes. Bis 1938
schafft er rund 240 politische
Fotomontagen, mehr als die Hälfte davon
auf Titel oder Rückseiten. Hartfields
Methode ist das Gegenteil der sichtbaren
höchsten Schnittkante. Seine Montagen sind
makellos retuschiert, sehen aus wie ein
einziges, perfektes Foto. Und genau darin
liegt die teuflische Puante. Er benutzt
den Wahrheitsglanz des Mediums gegen die
Wahrheit der Mächtigen. Sein berühmtestes
Bild? Adolf der Übermensch schluckt Gold
und redet Blech. AIZ-Titel vom 17. Juli
1932. Wir sehen Hitler, redegewaltig wie
immer, aber über seinen Brustkorb ist eine
Röntgenaufnahme montiert. Die Speiseröhre
besteht aus Goldmünzen, im Magen klumpt
ein Münzhaufen. Die These des Bildes, dass
die Industrie Hitler finanziert, wird
nicht behauptet, sondern geröntgt. Das ist
die fotografische Form von Brechts
Kruppeinwand aus Folge 1. Hartfield
akzeptiert, dass man die Verhältnisse
nicht fotografieren kann, also montiert er
sie sichtbar. Oder Hurra, die Butter ist
alle! Titelseite der AIZ von 1935. Eine
deutsche Familie sitzt am Esstisch und
isst. Eisen. Der Vater kaut an einem
Fahrrad, das Baby nagt an einer
Henkers-Axt, der Hund leckt eine riesige
Schraubenmutter. An der Wand Hitlers
Porträt und Hakenkreuztapete. Der Titel
zitiert eine Rede um Hermann Görings, der
in Hamburg verkündet hatte, Erz habe das
Reich stark gemacht, Butter und Schmalz
hätten höchstens das Volk fett gemacht.
Hartfield nimmt die Propaganda beim Wort
und führt sie vor, indem er sie wörtlich
bildet. Die Wirkung dieser Bilder war so
groß, dass die Gestapo ihn auf Platz 5
ihrer Fahndungsliste setzte. 1933 floh
Hartfield zu Fuß über die Grenze nach Prag
und machte einfach weiter. Die AIZ
erschien nun im Exil, seine Montagen
wanderten durch ganz Europa. Ein Detail,
das unsere Serie zusammenhält. Bei Film
und Foto in Stuttgart 1929, der großen
Realismus-Schau aus Folge 1, hatte
Hartfield einen ganzen Saal für sich. Die
Überschrift darüber lautete »Benütze Foto
als Waffe«, während im Nebenraum Renger
Patsch »Die schöne Welt der Dinge«
feierte. Zwei Säle, zwei Antworten auf
dieselbe Frage. Und 1933 wusste man,
welche von beiden gebraucht wurde. 1938
floh Hartfield vor der deutschen Invasion
weiter nach London. Seine Waffen waren
Bilder. Sein Archiv liegt heute in der
Akademie der Künste in Berlin. Halten wir
fest, was hier theoretisch passiert ist.
In Folge 1 hatten wir drei Positionen. Die
Welt als Archiv, Sander. Die Welt als
Essenz, Weston. Die Welt als Argument,
Hine, Lange, Hartfields,
sozialdemokratische Kollegen von der FSA.
Die Fotomontage fügt eine vierte Position
hinzu, die Welt als Material. Ihr
Realismusvorwurf lautet nicht, das Foto
zeigt zu wenig, sondern das Foto tut so,
als wäre es unbeteiligt. Die Montage ist
der erste fotografische Stil, der die
eigene Konstruiertheit zum Thema macht.
Und genau das ist ihre Wahrheitsleistung.
Sie lügt offen, während das Dokument
heimlich inszeniert. Damit ist die Folie
gelegt für alles, was jetzt kommt. Denn
während Berlin die Bilder zerschnitt,
begann man anderswo die Fotografie noch
radikaler vom Realismus zu lösen. Man warf
die Kamera gleich ganz weg. 1921 bis 1933
Die Fotografie ohne Kamera. Fotogramm,
Rayografie, Solarisation. In Folge 1 haben
wir das neue Sehen kennengelernt.
Moholinajis Programm, die Kamera als
erweitertes Auge zu begreifen, das
Perspektiven zeigt, die kein Mensch je
gesehen hat. Heute lernen wir seine andere
Seite kennen und die seines wichtigsten
Zeitgenossen. die kamerafreie Fotografie.
Es ist die vielleicht merkwürdigste Idee
der ganzen Serie. Ein Foto, das nichts
fotografiert. Das Prinzip ist uralt und
zugleich kühn. Man legt Gegenstände direkt
auf lichtempfindliches Papier und schaltet
das Licht ein. Wo der Gegenstand das Licht
abhält, bleibt das Papier hell. Wo es
durchfällt, wird es dunkel. Kein Objektiv,
kein Negativ. Keine Wirklichkeit da
draußen. Nur Licht, Materie und chemische
Zeit. Das Ergebnis nennt man Fotogramm.
Laszlo Moholy-Nagy macht daraus ab 1922
ein System. Auf die Idee kommt er übrigens
durch seine erste Frau, die Fotografin
Lucia Moholy. Eine Frau, deren eigene
Rolle in dieser Geschichte erst in den
letzten Jahrzehnten wieder sichtbar wird.
Sie war es, die in der Dunkelkammer die
Technik beherrschte, die Bauhausfotografie
dokumentierte und deren Negative Walter
Gropius nach der Emigration jahrzehntelang
ohne ihre Zustimmung nutzte. Auch das ist
ein Muster dieser Folge. Die Avantgarde
lebte von Zusammenarbeit. Der Ruhm blieb
meist bei den Männern hängen. Molinac
versteht das Fotogramm als Reinigung des
Mediums. Keine Abbildung mehr, keine
Erzählung, kein Motiv. Die Fotografie als
Kultur des Lichts, wie er sagte. Und er
geht noch einen Schritt weiter. Er
fotografiert seine Fotogramme ab und
vergrößert sie, um die Grenze zwischen
Original und Reproduktion selbst zum
Verschwimmen zu bringen. Das ist
erstaunlich modern gedacht. Wer jemals
einen Screenshot von einem Screenshot
gemacht hat, arbeitet in Moholis Logik.
Analytisch betrachtet ist das Fotogramm
der Endpunkt einer Entwicklung, die wir
seit Folge 1 verfolgen. Die Piktorialisten
machten Fotos, die aussahen wie Gemälde.
Moholy macht Fotos, die aussahen wie
nichts auf der Welt. Beides ist Flucht vor
dem Abbild. Aber die Avantgarde flieht
nach vorn, ins Offene des Experiments. Der
Magier von Paris Zur selben Zeit in Paris
stößt ein Amerikaner per Zufall auf
denselben Effekt und tauft ihn auf seinen
Namen. Man Ray, geboren 1890 in
Philadelphia als Emmanuel Ragnitzky,
aufgewachsen in Brooklyn, Maler, DaDaist,
Freund von Marcel Duchamp, seit 1921 in
Paris. Die Legende erzählt es so. Bei
Dunkelkammerarbeit fällt ihm ein
unbelichtetes Blatt in die
Entwicklerwanne. Genervt legt er einen
Trichter und eine Thermometerflasche
darauf, dreht das Licht an und sieht, wie
Geisterbilder aus dem Papier steigen. Er
nennt die Ergebnisse Rayographien, Bilder
signiert mit dem eigenen Namen. Christian
Schad und Lucia Moholy hatten Ähnliches
schon gemacht. Aber Man Ray macht daraus
eine Kunstmarke. Und Man Ray bleibt nicht
beim Objekt auf dem Papier. Er wird der
große Porträtist der Pariser Szene.
Picasso, Joyce, Gertrude Stein sitzen bei
ihm Modell. Aber seine Porträts sind keine
Dokumente, sondern Träume mit Adresse. Le
Violon d'Ingres, 1924, der Rücken seiner
geliebten Kiki de Montparnasse, nackt, auf
die Haut zwei schwarze F-Löcher gemalt,
der Frauenkörper als Geige. Das Bild ist
zugleich Hommage an den Maler Ingres. Witz
über die Malerei-Fotografie-Debatte und
ein heute unbequemes Dokument dafür, wie
die Avantgarde Frauenkörper als Material
benutzte. Man Rays zweite große Erfindung,
die Solarisation. Und hier kommt unsere
Hookfrau ins Spiel. 1929 kommt eine
22-jährige Amerikanerin nach Paris, bis
dahin erfolgreiches Fotomodell in New
York, mit dem Vorsatz, nie wieder nur vor
der Kamera zu stehen. Lee Miller. Sie
sucht Man Ray wochenlang, findet ihn in
einer Bar und stellt sich vor mit den
Worten, mein Name ist Lee Miller und ich
bin ihre neue Schülerin. Er sagt, er nehme
keine Schüler und fahre morgen nach
Biarritz. Ihre Antwort? Ich auch. Sie
bleiben drei Jahre zusammen, Geliebte,
Partner, Konkurrenten. Und in der
Dunkelkammer passiert es. Eine Maus, ein
Schreck, das Licht geht versehentlich an,
während ein Negativ entwickelt wird. Die
Konturen im Bild beginnen zu glühen,
Silberlinien wie Zeichnungen aus Licht.
Miller erkennt sofort das Potenzial des
Fehlers. Gemeinsam perfektionieren sie den
Effekt und Man Ray gibt ihm den Namen
Solarisation. Heute wissen wir, die
Technik war älter, der Sabatier-Effekt ist
seit dem 19. Jahrhundert bekannt. und die
Wiederentdeckung war Millers Zufall und
Millers Arbeit. Ihr Anteil an diesen
Pariser Jahren bis hin zum berühmten
Elektrizität-Portfolio von 1931 wurde
jahrzehntelang unterschlagen. Man Ray
selbst wusste es besser. In ihr Exemplar
des Portfolios schrieb er, ich zitiere,
Für Lee Miller, ohne deren Begeisterung
und deren Hilfe dieses Album nicht möglich
gewesen wäre. Nach der Trennung 1932 »Sie
geht«, »Er verfällt in eine Serie von
Rachebildern«, entsteht das Werk vom
Anfang unserer Folge »Lelarme, die Tränen
aus Glas«. Ein perfektes, vollkommen
inszeniertes, vollkommen falsches Bild von
Trauer. Von einem Mann, der seine
verlorene Geliebte in Glaskugeln bandte.
Vielleicht ist es das ehrlichste Bild, das
Man Ray je gemacht hat. Es gibt die
Inszenierung zu und heißt sie Kunst. Der
Surrealismus entdeckt die Fotografie und
Adjaye. All das – Montage, Fotogramm,
Solarisation – mündet in den 20er-Jahren
in die Bewegung, die den Traum zum
Staatsprogramm erklärt, den Surrealismus.
André Breton schreibt 1924 das erste
Manifest. Die Fotografie wird zum
Lieblingsmedium der Surrealisten, gerade
weil sie so verlässlich scheint. Nichts
unterläuft der Wirklichkeit so elegant wie
ein manipuliertes Foto, das aussieht wie
ein echtes. Und hier schließt sich ein
Kreis zu Folge 1. Erinnern Sie sich an
Eugène Atget, den stillen Dokumentaristen
des alten Paris? Ausgerechnet die
Surrealisten entdecken ihn. Man Ray, der
in Adgees Straße wohnt, druckt 1926 vier
Adgee-Bilder in der Zeitschrift La
Révolution Surrealiste. Die leeren
Straßen, die Schaufensterpuppen, die Parks
im Morgengrauen. Was Atget als nüchterne
Dokumente für Künstler verkauft hatte,
lesen die Surrealisten als Poesie des
Alltags. Die leere Stadt als Bühne des
Unheimlichen. Beide Lesarten sind wahr.
Genau das ist Benjamins optisches
Unbewusstes in Aktion. Das Foto weiß mehr,
als sein Autor wusste. Es ist Adjes junge
Retterin, Berenice Abbott, die diesen
Faden weiter spinnt. Und sie ist die erste
der vier Frauen, denen wir uns jetzt
widmen. Bisher könnte man meinen, die
Avantgarde sei eine Männerangelegenheit
gewesen. Hausmann, Hartfield, Moholy, Man
Ray. Aber das ist die halbe Wahrheit. Und
sie ist falsch in einer Weise, die die
Kunstgeschichte selbst produziert hat.
Denn quer durch diese ganze Bewegung
arbeiteten Frauen. Als Partnerinnen, als
Studioleiterinnen, als Autorinnen. Und
allzu oft stand später ihr Name unter den
Bildern der Männer. Vier von ihnen haben
wir ausgesucht. Vier Leben, vier
Strategien, vier völlig verschiedene
Antworten auf die Frage, was kann die
Kamera, wenn sie nicht beweisen muss. Es
gibt einen Satz, der in der
Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts
leider zu oft stimmt. Hinter jedem großen
Fotografen steht eine große Fotografin. Im
Dunkelraum, im Archiv, im Impressum ihres
Mannes. Dieses Kapitel dreht das Licht um.
Vier Frauen, vier Werkblöcke und ein
wiederkehrendes Muster. Sie alle wurden
später entdeckt, als die Männer um sie
herum längst kanonisiert waren. Florence
Henry, die Komponistin der Spiegel
Florence Henry, 1893 in New York geboren,
Tochter einer Deutschen und eines
Franzosen, wächst zwischen Europa und
Amerika auf, studiert zunächst Musik, dann
Malerei, unter anderem bei Fernand Léger.
1927 kommt sie für einige Monate ans
Bauhaus in Dessau, hört bei Moholy, Noggi
und Mondria und geht danach nach Paris, um
eines der aufregendsten Fotoateliers der
Epoche zu eröffnen. Ihre Bilder erkennt
man auf den ersten Blick. Porträts und
Stillleben mit Spiegeln, manchmal zwei,
drei gleichzeitig. Gesichter, die sich
verdoppeln. Hände, die aus dem Nichts in
den Bildraum ragen. Würfel und Kugeln, die
zwischen Realität und Reflexion schweben.
Ihr berühmtes Selbstporträt von 1938 zeigt
sie zwischen zwei Spiegeln, den Blick
seitlich, konstruiert wie ein
Architekturmodell. Henri fotografiert nie
die Welt, wie sie ist. Sie baut Bühne um
Bühne aus Glas. Technisch ist das
knochenhartes Handwerk. Alles entsteht vor
der Linse. Nichts in der Montage, nichts
nachträglich. Ihr Realismus ist gebauter
Realismus. Die Lüge passiert vor dem
Auslöser. Und sie gab das weiter. In ihrem
Atelier lernten unter anderem Lisette
Model und Giselle Freund, zwei
Fotografinnen, die ihrerseits Epoche
machen sollten. Florence Henry, eine Zeit
lang eine der meistbeachteten
Fotografinnen Europas, geriet nach dem
Krieg in Vergessenheit. Die große
Wiederentdeckung kam erst in den 70er
Jahren, kurz vor ihrem Tod 1982. Berenice
Abbott, die Bewahrerin. Berenice Abbott,
geboren 1898 in Ohio, kommt 1921 über
Umwege nach Paris und landet, Zufall der
Geschichte, als Assistentin im Studio von
Man Ray. Er brauchte jemanden ohne
Vorkenntnisse, weil er seine Methode
unverstellt lehren wollte. Sie entpuppte
sich als Naturtalent, machte sich binnen
weniger Jahre mit eigenem Atelier
selbstständig und porträtierte dieselbe
Szene, die er porträtierte. Manche sagen,
klarer als er. Aber ihr Name bleibt vor
allem mit einem anderen Mann verbunden,
den wir schon kennen, Eugène Agé. 1925
stößt Abbott in Paris auf seine
Fotografien und ist elektrisiert. Hier ist
alles, wonach sie sucht, die Welt, direkt,
ohne Pose, in ihrer ganzen stillen
Präsenz. Sie besucht den alten Mann,
porträtiert ihn und zwei Jahre später,
1927, stirbt AG. Abbott kauft mit
geliehenem Geld den Nachlass. Rund 5000
Negative und Abzüge, der Inhalt eines
ganzen Lebens, das sonst verloren gewesen
wäre. 1929 nimmt sie die Kisten mit nach
New York und macht es über Jahrzehnte zu
ihrer Aufgabe, AG bekannt zu machen.
Bücher, Ausstellungen, Abzüge aus seinen
Platten. Dass wir heute wissen, wer AG
war, verdanken wir Berenice Abbott. Und
dann macht sie selbst das, was AG für
Paris war, für ihre Stadt. Zwischen 1935
und 1939 fotografiert sie für ein
Bundesprogramm das Projekt Changing New
York. 30 Bezirke, hunderte Gebäude,
Häuserschluchten, Läden, Elendsquartiere,
Baukräne. Mit der Großformatkamera,
schnörkellos, dokumentarisch und doch von
einer Musikalität, die ihre
Surrealismusjahre verrät. Abbott ist damit
die leibhaftige Verbindung unserer beiden
Folgen. Die Schülerin des Traummagiers Man
Ray wird zur Chronistin der realen Stadt.
Realismus und Avantgarde waren nie
Gegensätze. Sie waren dieselbe Neugier mit
verschiedenen Werkzeugen. Dora Maar – mehr
als die weinende Frau Dora Maar Der Name
klingt bei den meisten als
Picasso-Kapitel. Die weinende Frau, die
Muse, die Verlassene. Lassen Sie uns das
Kapitel heute umschreiben, denn Dora Maar
war zuerst und zuletzt eine der
bedeutendsten Fotografin der
Surrealismus-Generation, bevor Picasso sie
malte und lange, nachdem er gegangen war.
Geboren 1907, aufgewachsen in Buenos Aires
und Paris, eröffnet sie Anfang der 30er
Jahre mit dem Bühnenbildner Pierre Keffer
ein Werbefotostudio – Mode, Kosmetik,
Magazine. Nebenher entstehen ihre eigenen
Arbeiten und die gehören zum
Eigenwilligsten, was der Surrealismus
hervorgebracht hat. 29 »Rue d'Astorque«,
um 1936. Ein erbärmlicher Interieurraum,
in dem ein riesiges, stiertes Untier
kauert. Eine Wesenskreatur, die aussieht,
als sei sie dem Fiebertraum eines Kindes
entsprungen. Und »Portrait du Bue«, 1936.
eine Nahaufnahme eines Embryos, vermutlich
ein Gürteltier, sie wollte das Geheimnis
nie lüften, das zum Emblem des
Surrealismus wurde. André Breton hielt es
für das perfekte Beispiel eines Objets
trouvés. Zwischen 1935 und 1936 stellte
Mar auf allen sechs großen internationalen
Surrealismus-Ausstellungen aus. Teneriffa,
London, New York, Paris, Tokio, Amsterdam.
Sie war die einzige Fotografin, die in
allen sechs vertreten war. 1935 lernt sie
Picasso kennen. 1937 dokumentiert sie
Woche für Woche das Entstehen von
Guernica. Hunderte Fotografien, die heute
die wichtigste Quelle zur Genese dieses
Bildes sind. Es ist eine bittere Ironie.
Die Frau, die die Fotografie zur
Traumkunst erhob, wird in der Erinnerung
zur Malermuse. Picasso drängte sie zur
Malerei. Nach der Trennung brach sie
zusammen, zog sich zurück, malte,
fotografierte kaum noch. Erst die großen
Retrospektiven unserer Zeit, Paris,
London, Amsterdam, haben Dora Maar wieder
an den Ort gerückt, der ihr gehört, ins
Zentrum der Avantgarde, nicht an ihren
Rand. Und nun das vielleicht modernste
Werk dieser ganzen Folge, geschaffen von
zwei Frauen, die zu Lebzeiten fast niemand
kannte. Lucie Schwob, geboren 1894 in
Nantes, nennt sich Claude Cahun, ein
Vorname, den in Frankreich Männer und
Frauen tragen. Ihre Lebenspartnerin, die
Künstlerin Suzanne Malherbe, nennt sich
Marcel Mour. Die beiden werden 1917 auch
Stiefschwestern. Cahus' Vater heiratet
Mours' Mutter und bleiben ein Paar bis zum
Tod. In ihrem Pariser Apartment im
Montparnasse entsteht ab den frühen 20er
Jahren ein Werk, das erst in den 90er
Jahren wiederentdeckt wurde und heute wie
eine Vorwegnahme von Cindy Sherman,
Gender-Debatte und Selfie-Kultur wirkt.
Gemeinsam inszenierte Selbstporträts.
Cajun vor der Kamera, Moor dahinter. So
sieht die Arbeitsweise aus, auch wenn die
Autorschaft bewusst geteilt blieb. Cajun
als kahlköpfige Figur, die den Betrachter
fixiert. Cajun als Harlekin, als
Kraftprotz mit aufgemalten Brustwarzen und
dem Schriftzug I am in training, don't
kiss me. Cajun als Doppelgängerin im
Spiegel, Cajun halb hinter einer Maske.
Kein Bild zeigt die wahre Lucy Schwob.
Genau das ist das Programm. In ihrem Buch
Aveux non avenu, etwa Beichten ohne
Geständnis, 1930 in einer Auflage von nur
500 Exemplaren erschienen, schreibt sie
den Satz, der heute überall zitiert wird.
Ich gebe ihn sinngemäß wieder. Männlich?
Weiblich? Es kommt darauf an. Neutrum ist
das einzige Geschlecht, das mir immer
passt. Das Werk wäre schon bemerkenswert
genug. Aber dann kommt der zweite Akt, und
der ist Wirklichkeit. 1937 ziehen die
beiden auf die Kanalinsel Jersey. 1940
besetzen die Deutschen die Insel und Kahun
und Mua, die eine Jüdin, beide
Kommunistinnen, beginnen einen
Zwei-Frauen-Widerstand. Sie schreiben
Flugzettel. Auf Deutsch, übersetzt von
Moor, unterzeichnet der Soldat ohne Namen.
Botschaften, die den Besatzern einreden
sollten, es gebe unter ihnen eine
Deserteursbewegung. Sie nennen ihre Zettel
Papierkugeln. Vier Jahre lang stecken sie
sie Soldaten in Taschen, unter
Windschutzscheiben, in Zeitungen. Im Juli
1944 werden sie verraten und verhaftet. Am
16. November 1944 verurteilt sie ein
Kriegsgericht zum Tode. Vor Gericht
erklärt Cajun, man werde sie zweimal
erschießen müssen. Einmal als
Widerstandskämpferin und einmal als Jüdin.
Die Befreiung der Insel im Mai 1945 rettet
sie. Es gibt ein Foto aus diesem Jahr.
Kahun, gerade aus dem Gefängnis, klemmt
einen deutschen Hohheitsadler zwischen den
Zähnen. Das härteste und leichteste
Selbstporträt der Folge. Claude Kahun
starb 1954 gesundheitlich gebrochen von
der Haft. Susanne Malherbe überlebte sie
um 18 Jahre. Das Werk lag halb vergessen
in Kisten auf Jersey, bis es der Philosoph
François Le Perlier in den 80er Jahren
wiederentdeckte. Heute hängen diese Bilder
im MoMA und in der Tate. Zwei Frauen aus
Nantes. 80 Jahre zu früh. Vielleicht haben
Sie sich zwischendurch gefragt, was hat
das alles noch mit Realismus zu tun, mit
unserer Serie über den Fotorealismus?
Montagen, Spiegel, Glaskugeln, Harlequine,
das ist doch das Gegenteil von
Wirklichkeitstreue. Aber genau hier liegt
die Pointe unserer nächsten und letzten
Geschichte. Denn es gab eine Fotografin,
die diese ganze Avantgarde von innen
kannte, die Schülerin Man Rays, die
Erfinderin der glühenden Solarisationen,
die Frau mit den Glastränen. Und sie war
es, die im April 1945 vor der realsten
Wirklichkeit stand, die das Jahrhundert
kannte und sich entscheiden musste, was
ein Bild darf. Lee Miller. Ihre Geschichte
erzählen wir jetzt zum Schluss, weil in
ihr beide Folgen dieser Serie
zusammenfließen. Es gibt Leben, die man
nicht erfinden könnte, ohne dass es
unglaubwürdig klinge. Lee Millers Leben
ist so eines. Fotomodell auf dem Cover der
amerikanischen Vogue, Muse und
Meisterschülerin des Surrealismus in
Paris, Modefotografin in London und
schließlich akkreditierte
Kriegskorrespondentin an der Front als
eine der ganz wenigen Frauen. Vier
Karrieren, jede einzelne wäre ein Leben
wert. Und an ihrem Ende steht ein Foto,
das diese ganze Serie zusammendenkt. Eine
Badewanne. vor der Kamera und der
Entschluss, dahinter zu wechseln. Lee
Miller, geboren 1907 in Poughkeepsie, New
York, wird mit 19 auf offener Straße
entdeckt. Die Legende sagt, ein Mann reißt
sie aus dem Verkehr, kurz bevor sie ein
Auto erfasst. Der Mann ist Verleger Condé
Nast und kurz darauf ist ihr Gesicht auf
der Vogue. Edward Steichen fotografiert
sie, sie wird eines der bekanntesten
Models Amerikas. Und sie merkt schnell,
vor der Kamera ist man Material. Also
beschließt sie, die Seiten zu wechseln.
Nicht über den Umweg einer Leere irgendwo,
sondern direkt an der Spitze. 1929 reist
sie nach Paris, um bei Man Ray zu lernen.
Wir haben ihre Anmeldung schon gehört. Ich
bin ihre neue Schülerin. Ich fahre morgen
nach Biarritz. Ich auch. Drei Jahre Paris.
Die Solarisation, die Studioarbeit, die
Freundschaft mit Picasso, Éluard, Cocteau.
Aber Milla ist zu eigen, um Schülerin zu
bleiben. 1932 trennt sie sich. Von Man Ray
und von Paris. Geht zurück nach New York,
eröffnet ein eigenes Studio. Dann Cairo
mit ihrem ersten Ehemann, dann London,
Modefotografie für die britische Vogue.
Als der Krieg ausbricht, ist sie Mitte 30
erfolgreich, etabliert und entschlossen,
das Nicht gegen Sicherheit einzutauschen.
Der Krieg Germans are like this Miller
lässt sich als Kriegskorrespondentin für
die Vogue akkreditieren, als eine der
wenigen Frauen überhaupt, und schließt
sich nach der Landung in der Normandie den
amerikanischen Truppen an. Ihr Partner an
der Front, der Live-Fotograf David
Sherman. Sie fotografiert die Belagerung
von Saint-Malo unter Beschuss, zeitweise
zu Unrecht im Off-Limits-Gebiet, wofür man
sie prompt festnimmt. Die Befreiung von
Paris, die Kämpfe im Elsass. Ihre Bilder
aus dieser Zeit sind anders als die der
Männer neben ihr. Sie hat ein Auge für die
Ränder des Krieges, die rasierten Köpfe
der französischen Frauen, die man der
Kollaboration beschuldigte. die
erschöpften Krankenschwestern, die
Insignien und die Schäbigkeit der
Besatzer. Die Modefotografin erkennt man
an der Präzision, die Surrealistin am Sinn
für das Unheimliche im Alltäglichen. Dann
kommt der April 1945. Die Amerikaner
erreichen die Konzentrationslager. Miller
ist bei der Befreiung von Buchenwald und
Dachau dabei, mit der Kamera. in den
ersten Stunden. Was sie dort fotografiert,
gehört zu den härtesten Dokumenten des
Jahrhunderts. Die Leichenstapel, die
Güterwaggons, die ertrunkenen Wachleute im
Kanal, die Überlebenden, die kaum
aufstehen können. Sie schickt die Filme
nach London an ihre Vogue-Redakteurin
Audrey Withers mit dem telegrammartigen
Satz, der berühmt geworden ist, sinngemäß,
»Ich bitte Sie inständig, das zu drucken.«
Die britische Vogue druckt es. Die
amerikanische Vogue bringt im Juni 1945
eine Strecke unter der Schlagzeile
»Believe it«, »Glauben Sie es«, mitten
zwischen Parfümanzeigen und Sommermoden.
Die Avantgardistin von einst versteht
genau, was sie tut. Sie nutzt die
Illustrierte, das Medium der schönen
Scheinwelt, als Übertragungskanal für das
Undenkbare. Höchst Küchenmesser in
Realfunktion. Die Bilderflut wird gegen
das Vergessen eingesetzt. Und hier kommt
der Satz, der Lee Miller für unsere ganze
Serie wichtig macht. Von ihren
Dachau-Negativen ist nur etwa ein Drittel
erhalten, den Rest hat sie selbst
zerschnitten. Eine Laborassistentin
erinnerte sich später an ihre Begründung
und ich zitiere sie. Ich will nicht, dass
irgendjemand sehen muss, was ich gesehen
habe, aber ich lasse genug übrig, damit
niemand daran zweifeln kann, was passiert
ist. Denken Sie kurz darüber nach. Die
Dokumentarfotografin zerstört Dokumente
und nennt es Verantwortung. Bei Hain und
Lange haben wir gelernt, jedes Dokument
ist eine Auswahl. Miller treibt diese
Wahrheit auf die Spitze. Die Auswahl ist
keine Verfälschung des Realismus, sie ist
seine letzte Ethik. Was nicht gezeigt
wird, gehört auch zum Bild. Am 30. April
1945 fahren Miller und Schörmann von
Dachau nach München. Die Stadt ist gerade
gefallen, die beiden brechen in eine
Wohnung in der Prinzregentenstraße ein.
Hitlers Privatwohnung, verwaist, im
Badezimmer noch heißes Wasser. Lee Miller
tut etwas, das kein Feldhandbuch vorsieht.
Sie zieht ihre sturmzerzausten Kleider
aus, steigt in Hitlers Badewanne, und
lässt sich von Schirmen fotografieren.
Sehen wir uns das Bild genau an. Sie sitzt
in der Wanne, den Waschlappen in der Hand,
der Blick ernst. Links am Wannenrand steht
ein kleines, gerahmtes Porträt Hitlers,
wie eine Parodie des Guten Tons. Rechts
eine klassizistische Statuette. Und vor
der Wanne, auf dem weißen Badvorleger,
ihre Stiefel, absichtlich dort abgestellt.
Und von den Stiefeln der getrocknete
Schlamm. Dachhausschlamm auf Hitlers
Badematte. Am selben Tag, ein paar hundert
Kilometer nördlich, erschießt sich Hitler
im Führerbunker. Dieses Foto ist die
Verschmelzung von allem, was diese Serie
bisher behandelt hat. Es ist Dokument, die
Wohnung, der Schlamm, das Datumstimmen. Es
ist Inszenierung, die Pose, der Adler, die
Statuette. Alles komponiert von einer
Frau, die bei Man Ray gelernt hat, wie man
Bilder baut. Es ist Fotomontage ohne
Schere, Realität als Montagematerial. Es
ist Hartfield in eigener Person, die
Propaganda beim Wort genommen und in ihrer
eigenen Badezimmerästhetik ersäuft. Und es
ist, nicht zuletzt, ein weiblicher
Machtakt. Die Nackte in der Wanne des
Toten ist keine Muse, kein Opfer, keine
Kiki, Sie hat die Kamera selbst aufgebaut
und den Auslöser delegiert. 20 Jahre nach
Le Violon d'Ingres kehrt die Frau auf dem
Bild den Blick der Avantgarde um. Danach
das Schweigen und der Dachboden. Das Ende
dieser Geschichte ist still und gehört
erzählt, weil es auch zur Wahrheit der
Bilder gehört. Li Miller kehrt nach
England zurück, heiratet den
surrealistischen Maler und Sammler Roland
Penrose, bekommt einen Sohn und hört
weitgehend auf zu fotografieren. Was sie
in den Lagern gesehen hatte, ließ sie
nicht los. Die Ärzte unserer Zeit würden
es posttraumatische Belastungsstörung
nennen. Sie sprach über den Krieg nicht
mehr. Die Negative, die Kontaktbögen, die
Wogausgaben, alles wanderte in Kartons auf
den Dachboden des Landhauses in Sussex.
Sie selbst wurde in der Nachkriegswelt vor
allem als Gastgeberin und später als
exzentrische, surrealistische
Küchenmeisterin wahrgenommen. Blaue
Spaghetti, Blumenkohl in Brustform. Erst
nach ihrem Tod 1977 findet ihr Sohn
Anthony die Kartons. Ich hatte meine
Mutter als nutzlose Trinkerin gekannt. Ich
konnte nicht glauben, dass dieselbe Person
dieses Material geschaffen hatte. Heute
verwaltet das Lee Miller Archives ihr
Werk, Ausstellungen wandern um die Welt
und 2023 hat der Spielfilm Lee mit Kate
Winslet ihre Geschichte einem großen
Publikum zurückgegeben, inklusive der
Badewannenszene, die das Poster des Films
wurde. Vielleicht ist das die tiefste
Pointe dieser Folge über die Avantgarde.
Die Frau, die mit gefälschten Tränen und
glühenden Konturen berühmt wurde,
hinterließ die wahrhaftigsten Bilder des
Krieges und vergrub sie auf dem Dachboden.
Realität und Fiktion, Muse und Autorin,
Dokument und Traum, in Lee Millers
Biografie sind das keine Gegensätze mehr.
Sie sind Stationen eines einzigen
unmöglichen wahren Lebens. Vier Thesen zum
Abschluss dieser Folge. Die Fotomontage
des Berliner Dada, Hausmann, Höch,
Hartfield, hat die Fotografie vom Fenster
zum Material gemacht. Hanna Höchs
Küchenmesser zerschnitt das Bild der
Republik und das Bild der Frau. John
Hartfield machte aus der Montage eine
Waffe, so wirkungsvoll, dass die Gestapo
ihn fahndete. Ihre Wahrheitsleistung? Sie
lügen offen, wo das Dokument heimlich
inszeniert. Zweitens, die kamerafreie
Fotografie. Moholy-Nagy's Fotogramme, Man
Ray's Rayographien, die Solarisation hat
das Medium ganz vom Abbild gelöst. Die
Avantgarde floh nicht vor der
Wirklichkeit. Sie bewies, dass Fotografie
eine eigenständige Bildsprache ist, die
weder Malerei noch Dokument braucht. Dass
Lee Miller und Lucia Moholy an diesen
Erfindungen wesentlichen Anteil hatten,
ist keine Randnotiz. Es ist ein Muster.
Drittens, die Frauen der Avantgarde waren
nicht die Musen dieser Geschichte, sondern
ihre Autorinnen. Florence Henry
komponierte mit Spiegeln, Berenice Abbott
rettete Adjaye und dokumentierte New York.
Dora Maar war die einzige Fotografin auf
allen großen Surrealismus-Ausstellungen
und Claude Cahu mit Marcel Moore erfand
das Selbstporträt als Befreiung und
bezahlte den Widerstand fast mit dem
Leben. Dass wir ihren Namen erst seit
kurzem kennen, sagt mehr über den Kanon
als über ihre Kunst. Lee Miller Ihre
Badewanne am 30. April 1945 ist das Bild,
in dem unsere zwei Serienfolgen ineinander
fließen. Dokument und Inszenierung,
Realismus und Traum, Kamera vor der
Wirklichkeit und Kamera als Waffe. Und ihr
Satz über die zerschnittene Negative, ich
lasse genug übrig, damit niemand zweifelt,
ist vielleicht die reifste Antwort, die
die Fotografie auf die Realismusfrage
gefunden hat. Wahrheit braucht Auswahl und
Auswahl braucht Verantwortung. Ausblick
auf Folge 3. Und weiter geht es. In der
nächsten Folge verlassen wir Paris und New
York, und gehen dorthin, wo die Frage nach
dem wahren Bild zur Staatsfrage wurde, in
die Sowjetunion. Auch dort beginnt alles
mit einer Avantgarde. Alexander Rodchenko,
der die Welt in Schrägschnitt zerlegte,
Eli Sitzky, die großen Propagandamagazine.
Aber 1932, im selben Jahr übrigens, in dem
die Gruppe F64 in San Francisco ausstellte
und Hartfields Hitlerröntgenbild durch
Berlin ging, beschloss der sowjetische
Staat, dass es künftig nur noch eine
erlaubte Wahrheit geben sollte, den
sozialistischen Realismus. Was dann mit
den Bildern geschah, und mit den Menschen,
die sie machten, das erzählt Folge 3. Der
Staat befiehlt das Bild. Alle Bilder
dieser Folge, Höchst Küchenmesser,
Hartfields Adolf der Übermensch, Man Rays
Le Larme, Cajuns Selbstporträts, Mars
Portrait Dubuix und Lee Miller in Hitlers
Badewanne finden Sie verlinkt in den
Shownotes. Und diesmal hätte ich eine
konkrete Frage an Sie. Welches Foto aus
dieser Folge hat Sie am meisten überrascht
und warum? Schreiben Sie es in die
Kommentare oder per Mail an kontakt-tbd.
Ich sammle die Antworten und greife die
interessantesten am Ende der Serie auf.
Wenn Ihnen GFA Kulturwelten etwas
bedeutet, abonnieren Sie den Podcast jetzt
in Ihrer App. Dann verpassen Sie keine
Folge dieser Serie. Ich danke Ihnen fürs
Zuhören. Manchmal, das haben wir heute
gelernt, muss die Kamera lügen, damit wir
die Wahrheit sehen. Und manchmal muss sie
schweigen, damit die Wahrheit erträglich
bleibt. Das war Fotorealismus in der
Kunst, die Avantgarde. Wenn die Kamera
lügt. Folge 2. Mein Name ist Brigitte. Bis
zur nächsten Folge, wenn der Staat das
Bild befiehlt.
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