Fotorealismus -3
Der Staat befiehlt das Bild: Sowjetunion und Ostblock: 1917–1989
10.10.2026 56 min
Zusammenfassung & Show Notes
Eine Fahne auf dem Reichstag, 1945 — gestellt, retuschiert, und trotzdem wahr. Die dritte Folge erzählt die Fotografiegeschichte des Ostens: die konstruktivistische Avantgarde Rodtschenkos, die Geburt des sozialistischen Realismus per Dekret 1932, die getilgten Gesichter auf Stalins Bildern. Und sie folgt den Fotografen, die im Ostblock weiterarbeiteten — vom offiziellen Pathos bis zu den Negativen, die den Staat überlebten: Baltermants, Koudelka, Rydet, Michailow.
GfA Kulturwelten
Kunst, Musik und Kulturgeschichte, ein Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Reihen wechseln, bisher unter anderem eine Serie zur Kunst der Kunstbewertung und eine zur Geschichte des Tango Argentino, von den Anfängen in Buenos Aires bis nach Paris. Zu jeder Folge gibt es ausführliche Shownotes mit Literaturangaben, für alle, die weiterlesen wollen.
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe u.a. von Brigittes geclonter Stimme und von KI-Stimmen.
Jewgeni Chaldejs Foto der hissenden Rotarmisten auf dem Reichstag (2. Mai 1945) ist eines der berühmtesten Bilder des Kriegsendes — inszeniert, nachretuschiert und doch ein Dokument. An dieser Zwickmühle hängt die ganze Folge: Was wird aus dem Realismus, wenn der Staat ihn definiert?
Die Stationen:
Aufbruch und Avantgarde: Alexander Rodtschenkos Schrägen („Mädchen mit Leica“, 1932–34), El Lissitzkys „Der Konstrukteur“ (1924), die Zeitschrift „USSR in Construction“ (1930–41), Dsiga Vertows Kino-Auge — dieselbe Form, die in Berlin Freiheit bedeutete, dient in Moskau der Herrschaft
Die Wende: Beschluss vom 23. April 1932, Schriftstellerkongress 1934 und die Definition — „Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung“: Realismus als Zukunftsmalerei; die getilgten Bilder (Trotzki, Jeschow); Rodtschenkos Anpassung unter wachsendem politischen Druck; Dmitri Baltermants’ „Grief“ (1942) — in der UdSSR erst 1975 veröffentlicht
Der Ostblock nach 1945: Sibylle Bergemanns Serie „Das Denkmal“ (DDR, 1975–1986); Zofia Rydets „Zapis socjologiczny“ — ca. 20.000 Negative (Polen); Josef Koudelkas Invasion-Bilder („P.P.“, Prag 1968 — sein Name wurde erst 1984 genannt); Miroslav Tichýs Selbstbau-Kameras
Die inoffizielle UdSSR: Antanas Sutkus und der institutionelle Freiraum der litauischen Fotografenvereinigung; Boris Michailow und die Schule von Charkiw (Serie „Rot“, 1968–75); drei Umkehrungen: Form als Revolution → Realismus als Dekret → Wirklichkeit als Widerstand
Kerngedanke: Dieselbe Technik, entgegengesetzte Ethik — und: Die Negative überlebten den Staat.
Zeitplan:
[00:00] Intro: Chaldejs Fahne · [04:00] Aufbruch: Konstruktivismus · [17:00] Die Wende: Dekret, Tilgung, Krieg · [30:00] Ostblock: DDR, Polen, ČSSR · [42:00] Inoffizielle UdSSR: Sutkus, Michailow · [54:00] Schluss und Ausblick auf Folge 4
Kontakt: b@gfaev.de
Literatur und Quellen
Standardliteratur, Fotobücher und Primärquellen
- David King: The Commissar Vanishes. The Falsification of Photographs and Art in Stalin’s Russia, New York: Metropolitan Books 1997
- David Shneer: Grief. The Biography of a Holocaust Photograph, New York: Oxford University Press 2020
- Josef Koudelka: Invasion 68: Prague, New York: Aperture 2008
- Boris Mikhailov: Case History, Zürich: Scalo 1999
- Antanas Sutkus: Planet Lithuania, hrsg. von Thomas Schirmböck, Göttingen: Steidl 2018
- USSR in Construction (SSSR na stroike), Moskau 1930–1941, nochmals 1949; russische, englische, deutsche und französische Ausgaben, später auch spanisch
Dokumente und Online-Quellen
- Beschluss des ZK der VKP(b) „Über den Umbau der literarisch-künstlerischen Organisationen“ vom 23. April 1932 – Dokumenttext und Kontext: 1000dokumente.de sowie StalinDigital, Universität Zürich
- Multimedia Art Museum Moscow: „Alexander Rodchenko – Revolution in Photography“
- David Campany: „USSR in Construction no. 12: The Baltic-White Sea Canal. Photographed and Designed by Alexander Rodchenko“
- Magnum Photos: „Josef Koudelka: The 1968 Prague Invasion“
- The Photographers’ Gallery, London: „Zofia Rydet: Sociological Record“
- Museum of Modern Art in Warsaw: Zofia Rydet. Record, 1978–1990
- Multimedia Art Museum Moscow: „Dmitry Baltermants – Retrospective“
- Museum of Modern Art, New York: Dmitri Baltermants, Grief, 1942
- StalinDigital, Universität Zürich: Materialien und Kontext zum Sozialistischen Realismus
- Bundeszentrale für politische Bildung: Überblick zu Literatur, Kunst und Sozialistischem Realismus in der Sowjetunion
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Transkript
Willkommen bei GFA KULTURWELTEN, dem
Podcast über die großen Fragen der Kunst
und ihrer Geschichte jenseits der
Museumsetiketten. Ich bin Brigitte. Dies
ist Folge 3 unserer Serie FOTOREALISMUS IN
DER KUNST. Der Start befiehlt das Bild.
Der Fotograf vom Anfang heißt übrigens
Yevgeni Chaldey. Wir kommen am Ende des
zweiten Kapitels auf ihn und sein Bild
zurück. Denn seine Geschichte ist noch
viel erstaunlicher, als die Retusche
verrät. Unser Bogen heute Wir beginnen
1917 mit einer Avantgarde, die glaubte,
die Kamera könne die neue Welt
buchstäblich bauen. Alexander Rodchenko,
der die Welt diagonal zerlegte, Eli
Sitzky, das glamouröseste
Propagandamagazin der Welt. Dann der
Bruch. Der 23. April 1932 ein einzelner
Beschluss, der alle Künstlergruppen des
Landes auflöste und den sozialistischen
Realismus zur einzig erlaubten
Kunstmethode erklärte. Mit der Folge, dass
die Fotografie fortan nicht mehr zeigen
sollte, was ist, sondern was sein soll.
Wir werden sehen, was das mit den Bildern
machte. gestellte Ernten, retuschierte
Siege und Menschen, die aus Fotografien
getilgt wurden, nachdem man sie erschossen
hatte. Dann gehen wir nach 1945 in die
Bruderstaaten, in die DDR, wo offizielle
und inoffizielle Fotografie jahrzehntelang
parallel existierten. Nach Polen, wo eine
67-jährige Frau begann, jedes Haus des
Landes zu fotografieren. In die
Tschechoslowakei, wo einer der größten
Fotografen des Jahrhunderts sein
Meisterwerk anonym veröffentlichen musste.
Und nach Ungarn. Und schließlich zurück in
die Sowjetunion selbst. Zu den Fotografen,
die im Untergrund, in Fotoclubs und auf
dem Dachboden eine zweite, inoffizielle
Wirklichkeit sammelten. Die These, die ich
Ihnen heute anbiete, der Ostblock ist das
härteste Experiment, das die Fotografie je
durchlaufen hat. Hier wurde Realismus
nicht diskutiert, er wurde verordnet. Und
gerade deshalb entstand dort auch seine
schärfste Gegenform, die Fotografie als
Akt des Widerstands gegen das amtliche
Bild. 1917 bis 1932, der Aufbruch, die
Kamera als Revolutionärin. Petrograd,
Moskau, 1917. Die Revolution fegt das
Zarenreich weg. Und mit ihr, das glauben
die jungen Künstler, muss auch die alte
Kunst weg. Kein Ölgemälde mehr für
Paläste, keine Bronze mehr für Zaren. Die
neue Gesellschaft braucht eine neue Kunst.
Nützlich, technisch, für alle. Und das
Medium, das zu dieser Utopie passt wie
kein zweites, ist die Fotografie. Sie ist
Maschinenkunst, sie ist vervielfältigbar,
sie gehört nicht dem Museum, sondern der
Straße. Für ein paar Jahre, kaum mehr als
zehn, entsteht in Russland die
aufregendste Fotografie der Welt.
Alexander Rodchenko, geboren 1891, Maler
und Konstruktivist, der 1924 zur Kamera
greift, bewusst, programmatisch, mit dem
Slogan »Wir müssen experimentieren«.
Rodchenko hat ein Credo, dass man als die
Antithese zu allem hören kann, was wir in
Folge 1 besprochen haben. Die Fotografie
muss die gewohnten Blickwinkel verlassen.
Weg von der Brusthöhe, die alles zur
Postkarte macht. Her mit der
Froschperspektive, der Vogelperspektive,
der Diagonale. Fotografiere von oben, von
unten, im Schrägschnitt, und die
vertrauteste Welt wird neu. Seine Bilder
aus diesen Jahren sind Manifeste in
Schwarz-Weiß. Der Pionier mit dem Horn,
1930, von unten fotografiert, das Gesicht
des Jungen gegen den Himmel gesetzt,
monumentaler als jedes Zarendenkmal.
Mädchen mit Leica, 1934, Eine Fotografin
auf einer Treppe, im Schrägschnitt, das
Bild ein einziges Geflecht aus Diagonalen.
Die Frau auf dem Bild, Eugenia Lemberg,
starb wenig später bei einem
Verkehrsunfall und das Foto wurde zu ihrer
Ikone. Die Treppen, die Balkone, die
Sportler, die Paraden. Rodchenkos Kamera
schaut die Sowjetunion so an, wie man
einen Motor anschaut, als Konstruktion aus
Teilen, die man neu zusammensetzen kann.
An seiner Seite Varvara Stepanova, seine
Frau und gleichberechtigte Partnerin.
Künstlerin, Designerin, Fotografin. Eine
der wenigen Frauen, die in der
sowjetischen Avantgarde sichtbar wurden.
Zusammen bilden sie das vielleicht
produktivste Künstlerpaar der Epoche. Man
achte auf das Muster, das uns durch die
ganze Serie begleitet. Wieder steht eine
Frau im Zentrum einer Avantgarde. Und
wieder wird ihre Rolle im Kanon kleiner
geschrieben als die des Mannes. Lissitzky
und die Montage als Staatskunst L.
Lissitzky, Maler, Architekt, Grafiker, ein
Grenzgänger zwischen Suprematismus und
Propaganda. Sein berühmtestes
fotografisches Werk ist ein Selbstporträt
von 1924, Der Konstrukteur. Man sieht
seinen Kopf, davor seine Hand, darin einen
Zirkel, mehrere Negative
übereinandergelegt, Kopf, Hand und
Buchstaben zu einer Ikone verschmolzen.
Der Künstler nicht als Genie mit Pinsel,
sondern als Ingenieur mit Messinstrument.
Das Selbstbild der ganzen Epoche in einem
einzigen Bild. Lisitsky ist auch der Mann,
der die sowjetische Bildsprache
exportiert. Er gestaltet
Ausstellungspavillons im Ausland, etwa die
legendäre Presserschau in Köln 1928, und
bringt die Montageästhetik nach Europa.
Hier schließt sich ein Kreis zu Folge 2.
Die Fotomontage, die wir bei Hartfield als
Waffe gegen den Faschismus kennengelernt
haben, und die sowjetische Staatsmontage
sind Geschwister. Dieselbe Technik,
dieselbe Schärfe, dieselbe Überzeugung,
dass Bilder handeln. Nur, dass die eine
dem Staat diente und die andere ihn
bekämpfte. An der Form allein erkennt man
das nicht. Das ist eine der unbequemsten
Erkenntnisse dieser ganzen Serie. Ästhetik
ist nicht automatisch Politik. Dieselbe
Schräge kann Freiheit bedeuten oder
Herrschaft. USSR in Construction, das
glamouröseste Propagandamagazin der Welt.
Wohin diese Energie mündete, kann man bis
heute in Antiquariaten bewundern. USSR in
Konstruktion, auf Russisch SSSR Nastroike,
das Prachtmagazin des sowjetischen
Staates, erschienen von 1930 bis 1941,
kurz wieder 1949. Gedruckt in Russisch,
Englisch, Französisch, Deutsch, später
auch Spanisch. Zielgruppe, die westliche
Welt, die überzeugt werden sollte.
Gestaltet von Rodchenko, Stepanova,
Lisicki. Ausklappseiten, Farbfolien,
Montagen, Schnittdiagramme. Jede Ausgabe
einem Thema gewidmet. Der Weißmeerkanal,
die Ukraine, die Elektrifizierung. Bilder
von triumphalen Baustellen, lächelnden
Stachanow-Arbeitern, strahlenden Kolchos
ernten. Man muss das einmal nüchtern
festhalten. Das Magazin war technisch
brillant und inhaltlich eine Lüge.
Dieselbe Ausgabe, die 1933 den
Weißmeerkanal als Jubelbaustelle feierte,
verschwieg, dass zehntausende Häftlinge
bei seinem Bau starben. Der
Kunsthistoriker David Campany hat es auf
den Punkt gebracht. Stalin hatte die
Konstruktivisten längst als bürgerlich
verdammt, aber er behielt ihre grafischen
Erfindungen, weil die Bilder wirken, auch
wenn man nicht lesen kann. Die Avantgarde
lieferte die Form, der Staat füllte sie
mit seinem Inhalt. Diese Scheidung von
Form und Freiheit ist die Tragödie der
sowjetischen Moderne. Sie erfand die
modernste Bildsprache ihrer Zeit und
durfte sie am Ende nur noch für das
Gegenteil von Aufklärung benutzen. Das
Kinoauge und der Traum vom sehenden Staat
In dieselben Jahre gehört ein Film, den
wir kurz streifen müssen, weil er das
Programm dieser Avantgarde am reinsten
formuliert. Der Mann mit der Filmkamera
von Sigar Werthoff. Werthofs Idee des
Kinoauges, die Kamera sieht besser als das
Auge, sie kann gleichzeitig überall sein,
Zeit dehnen und stauchen, die Stadt als
Organismus zeigen. Sein Film ist ein Tag
im Leben der sowjetischen Stadt,
geschnitten zu einem Bilderrausch ohne
Schauspieler und ohne Handlung. Und
zugleich, man höre die Ironie, ein Film
über einen Kameramann, der einen Tag lang
eine Stadt filmt. Das Medium feiert sich
selbst. Was diese ganze Bewegung
zusammenhielt, war ein Glaube, den wir in
Folge 1 bei den Deutschen schon sahen. Nur
radikaler, politischer, verzweifelter.
Dass das neue Sehen den neuen Menschen
schaffe. Rodchenko, Lisicki, Werthoff
dachten, die Form sei die Revolution. 1929
waren sie auf Film und Foto in Stuttgart
vertreten. Schulter an Schulter mit Sander
und Renger Patsch, mit den Bauhausleuten
und den Amerikanern. Vier Jahre später war
diese internationale Moderne in beiden
Ländern verboten. In Deutschland vom
Faschismus, in der Sowjetunion vom eigenen
Staat. Wie das im Osten geschah, erzählt
das nächste Kapitel. Es ist die Geschichte
eines einzigen Dokuments. Was wir bisher
gesehen haben, ist ein Staat, der die
Avantgarde benutzte, ihre Schrägen, ihre
Montagen, ihre Begeisterung. Aber benutzen
ist nicht lieben. Anfang der 30er Jahre,
mitten in Zwangskollektivierung und
Hungerjahren, entscheidet die Partei, dass
Kunst keine Frage von Gruppen und
Experimenten mehr sein darf, sondern eine
Frage der Linie. Am 23. April 1932 erlässt
das Zentralkomitee einen Beschluss, der
zwei Seiten lang ist und die Kunst eines
Sechstels der Erde für zwei Generationen
verändert. Die Wende 1932 Der
sozialistische Realismus und die getilgten
Menschen Der Beschluss trägt einen
bürokratischen Titel über den Umbau der
literarisch-künstlerischen Organisationen.
Inhalt? Alle Künstlergruppen des Landes,
die Dutzenden Vereine, Kreise und
Fraktionen, in denen sich die Kunst der
20er Jahre organisiert hatte, werden mit
einem Federstrich aufgelöst. Stattdessen
ein einheitlicher Verband pro Kunstgattung
mit eigener Parteifraktion. Wer
ausstellen, drucken, arbeiten will,
braucht den Verband. Und der Verband
braucht die Linie. Die Gruppe Oktober, der
Rodchenko angehört hatte – er war übrigens
schon 1931, ein Jahr vorher, aus ihr
ausgeschlossen worden, wegen Formalismus –
die Gruppe Oktober gibt es nicht mehr. Es
gibt niemanden mehr, dem man widersprechen
könnte. Die Definition Wirklichkeit im
Futur Zwei Jahre später, im August 1934,
trifft sich der erste All-Unions-Kongress
der sowjetischen Schriftsteller in Moskau,
um die neue Methode zu taufen,
sozialistischer Realismus. Im Statut des
Neuen Verbandes steht die Definition, die
fortan für alle Künste gelten wird. Ich
zitiere sie wörtlich, denn man muss sie
genau hören. Der sozialistische Realismus
fordert vom Künstler wahrheitsgetreue,
historisch konkrete Darstellung der
Wirklichkeit in ihrer revolutionären
Entwicklung. Hören Sie den entscheidenden
Dreh? Es steht nicht Darstellung der
Wirklichkeit. Es steht Darstellung der
Wirklichkeit in ihrer revolutionären
Entwicklung. Das ist ein Futur im
Imperfekt. Gemeint ist, zeige nicht, was
ist. Zeige, was wird, wenn der Plan
gelingt. Der lachende Kolchossbauer ist
nicht dokumentiert, er ist prognostiziert.
Der strahlende Stachanow-Arbeiter ist
keine Reportage, er ist eine Verheißung.
Brechts Kruppeinwand aus Folge 1, dass man
die Verhältnisse nicht fotografieren kann,
bekommt hier seine perverseste Antwort.
Ein Staat, der beschließt, dass die
Verhältnisse gut sind und der die
Fotografie verpflichtet, sie so zu zeigen.
Der sozialistische Realismus ist der
einzige Realismus der Kunstgeschichte, dem
das Wirkliche offiziell nicht genug war.
Und der zweite Satz der Definition macht
es vollends klar. Die Wahrheitstreue der
Darstellung muss, Zitat, mit den Aufgaben
der ideologischen Umformung und Erziehung
der Werktätigen im Geiste des Sozialismus
abgestimmt werden. Das Bild ist kein
Zeugnis mehr, es ist Lehrmittel. Ironie,
Sarkasmus, Groteske, Experiment, all das,
woraus die 20er-Jahre bestanden hatten,
sind ab jetzt formalistisch und damit
verdächtig. Die getilgten Menschen Was das
für die Fotografie konkret bedeutet, kann
man am besten an den Bildern selbst
ablesen. An den Bildern und an den Löchern
in den Bildern. Schon 1922 erscheint in
allen Zeitungen des Landes ein Foto. Lenin
und Stalin, Seite an Seite auf einer Bank,
vertraut wie Vater und Sohn. Das Bild ist
eine Montage, zwei getrennte Aufnahmen
zusammengefügt, Stalins Pockennaben
wegretuschiert, sein verkrüppelter linker
Arm verlängert. Es ist vielleicht das
erste große gefälschte Staatsfoto der
Geschichte und es diente einem Zweck, den
Erben zu erfinden, den Lenin ausdrücklich
nicht gewollt hatte. In den 30er Jahren
wird die Tilgung zum Handwerk mit eigenen
Abteilungen. Leo Trotzky, der Mitgründer
der Roten Armee, wird aus sämtlichen
Fotografien der Revolution
herausretuschiert. Ganze Bildarchive
werden umgearbeitet. Und dann der Fall,
der zum Symbol dieser Praxis wurde.
Nikolai Jeschow, Chef des Geheimdienstes
NKWD, der Organisator des großen Terrors.
1937 wird er am Ufer des
Moskau-Wolga-Kanals neben Stalin
fotografiert. Ein Bild für die Ewigkeit.
Zwei Männer im Freien, Staatsräson und
Frühsommer. Drei Jahre später ist Jeschof
selbst gefallen, verhaftet, erschossen.
Und das Foto? Das Foto bleibt. Nur ohne
ihn. Wo Yeshov stand, glänzt jetzt
Kanalwasser. Die Retoucheure der Verlage
arbeiteten mit Skalpell, Pinsel und
Airbrush und sie wurden darin gut. Man
schätzt, dass der große Terror etwa
dreiviertel Millionen Menschen das Leben
kostete. Die Fotografien dieser Jahre sind
voller leerer Stellen, an denen Menschen
gestanden hatten. Denken Sie an Hannah
Hösch und John Hartfield aus Folge 2. Auch
sie schnitten und klebten. Aber der
Unterschied ist der ganze Unterschied der
Welt. Die Montage der Avantgarde zeigte
ihre Nähte. Sie sagte, dieses Bild ist
gemacht, trau keinem Bild. Die Retusche
des Staates versteckte ihre Nähte. Sie
sagte, dieses Bild ist die Wahrheit und es
gab diesen Menschen nie. Dieselbe Technik
entgegengesetzte Ethik. Deshalb ist
»Benütze Foto als Waffe«, Hartfields
Saalüberschrift von 1929, auch im Osten
wahr geworden, nur hielt dort der Staat
die Waffe. Die Avantgarde kapituliert.
Rodchenkos Selbstdemontage. Und die
Avantgarde selbst? Sie wurde nicht nur
verboten, sie wurde zur Selbstanklage
gebracht. 1935 darf Rodchenko an der
Ausstellung Meister der sowjetischen Kunst
teilnehmen, aber unter einer Bedingung. Er
muss sich öffentlich von seinem Frühwerk
lossagen. Sein Widerruf erscheint in der
Zeitschrift »Sovjetskoje Foto«. Ich
zitiere einen Satz daraus. »Ich will
entschieden ablehnen, die formale Lösung
eines Themas an die erste und die
ideologische an die zweite Stelle zu
setzen und will die Sprache der Fotografie
ganz in den Dienst des sozialistischen
Realismus stellen.« Der Mann, der die Welt
diagonal sehen lehrte, verspricht, sie
wieder gerade zu sehen. Es ist eines der
traurigsten Dokumente der Fotogeschichte,
geschrieben von einem Künstler, der
bleiben wollte, arbeiten wollte, überleben
wollte. Hortchenko fotografierte weiter,
vorsichtiger, harmloser. In den 40ern
wandte er sich dem Zirkus zu, den
Akrobaten, vielleicht der einzige Ort, an
dem die Welt noch unbeschwert auf dem Kopf
stehen durfte. 1943 notierte er in sein
Tagebuch, Kunst ist Dienst am Volk, aber
das Volk wird irgendwo hingeführt. Ich
will das Volk zur Kunst führen, nicht die
Kunst benutzen, um es irgendwo
hinzuführen. Bin ich zu früh oder zu spät
geboren? Die Antwort kannte er selbst. Er
war genau zur falschen Zeit geboren
worden, um Recht zu haben. Der Krieg, wenn
der Staat echte Bilder braucht. Und dann
kommt der Krieg und mit ihm eine fast
zynische Kehrtwende. Plötzlich braucht der
Staat Wirklichkeit. Die Invasion von 1941,
die verbrannte Erde, die 20 Millionen
Toten, das lässt sich nicht
wegprognostizieren. Die sowjetische
Kriegsfotografie wird zur größten Leistung
und zum größten Dilemma des Systems
zugleich. Dmitri Baltermanns fotografiert
am 2. Januar 1942 bei Kerch auf der Krim
das Bild, das als Trauer oder Schmerz,
Grief berühmt werden sollte. Über ein
schlammiges Feld voller Leichen irren
Frauen, suchen ihre Männer, ihre Söhne.
Über allem ein Himmel, der wie gemalt
weint. Es ist vielleicht das ergreifendste
Bild, das dieser Krieg hervorgebracht hat.
Und es passte der Zensur nicht. Zu
traurig, zu wenig Siegesgewiss. In der
Sowjetunion wurde es vollständig erst 1975
gezeigt, 33 Jahre später. Ein Detail am
Rand, das perfekt zu unserem Thema passt.
Die berühmteste Version des Bildes, die in
den 60er Jahren um die Welt ging, zeigt
einen dramatischeren Wolkenhimmel,
nachträglich aus einem anderen Negativ
hineinmontiert, von einem italienischen
Kurator mit Baltermanns stiller Duldung.
Selbst das ehrlichste Bild des Krieges
bekam seine Retusche, diesmal nicht im
Namen des Staates, sondern im Namen der
Wirkung. Max Alpert fotografiert 1942 den
Politruck, Den Politoffizier, der mit
erhobener Pistole seine Soldaten aus dem
Graben führt. Das andere große sowjetische
Kriegsbild, heroisch, komponiert wie ein
Gemälde. Und bis heute streitet man, ob es
gestellt war und wer der Mann überhaupt
war. Und dann, Yevgeny Khaldei, unser Mann
vom Reichstag. Seine Geschichte gehört
ganz erzählt, weil in ihr alles
zusammenläuft. Chaldei, geboren 1917 in
Jusofka, dem heutigen Donetsk, Jude. Als
er ein Jahr alt war, überlebte er den
Pogrom, bei dem seine Mutter und sein
Großvater ermordet wurden. Er kam über die
Fotografie zum Fotojournalismus,
fotografierte den ganzen Krieg von
Murmansk bis Berlin und nach dem Krieg die
Nürnberger Prozesse. Sein Reichstagsbild
vom 2. Mai 1945 das wir am Anfang
beschrieben haben, war also das Werk eines
Mannes, der mehr Grund hatte als fast
jeder andere, diesen Sieg zu zeigen, und
der genau wusste, was das System von einem
Siegerbild erwartete. Kein Blut an den
Händen, keine Beute am Arm, Rauch am
Himmel nach Bedarf. Er lieferte. Und
später sagte er dazu Sätze, die man sich
merken sollte, sinngemäß, es war ein gutes
Bild und es war wahr. Der Sieg war wahr.
Dass wir ihn arrangierten, macht ihn nicht
weniger wahr. Da haben sie es, in reinster
Form, das ganze Problem dieser Folge in
einem einzigen Gewissensakt. Der Fotograf
lügt, damit das Bild der Wahrheit
entspricht, die er erlebt hat. Der
Unterschied zur staatlichen Tilgung liegt
nicht im Handwerk. Chaldei benutzte
dieselbe Retuschenadel wie die Löscher
Jeschofs. Er liegt darin, wer entscheidet
und wofür. Merken wir uns diesen Gedanken.
Wir brauchen ihn am Ende der Folge noch
einmal. 1945 endet der Krieg. Aber nicht
das Experiment. Im Gegenteil, es bekommt
jetzt Satelliten. Der sozialistische
Realismus in der Sowjetunion erfunden,
wird mit den Armeen exportiert. Nach
Polen, Ungarn, in die Tschechoslowakei, in
die sowjetische Besatzungszone, die 1949
zur DDR wird. Und dort geschieht etwas,
das in Moskau so nicht möglich war. Neben
der offiziellen Fotografie wächst eine
zweite, eine inoffizielle, manchmal
geduldete, manchmal verfolgte. Von diesen
zwei Wirklichkeiten und von den Menschen,
die in beiden zu Hause waren, handelt das
nächste Kapitel. Der Ostblock nach 1945
Zwei Wirklichkeiten DDR, Polen, CSSR,
Ungarn Wer Fotografie im Ostblock betrieb,
arbeitete in einem zweigeteilten Haus.
Oben, mit großen Fenstern, die offizielle
Etage, die Bildagenturen des Staates, die
Zeitungen, die Zeitschriften, die
Ausstellungen der Berufsverbände. Unten,
im Halbdunkel, die private Etage, die
Bilder, die man für sich machte, für
Freunde, für den Schrank. Das Erstaunliche
ist, wie viele Fotografinnen und
Fotografen in beiden Etagen lebten und wie
wenig die obere von der unteren wusste.
Beginnen wir in der DDR, weil dort die
Zweiteilung besonders gut dokumentiert
ist. Oben die ADN, der Allgemeine Deutsche
Nachrichtendienst, die staatliche Agentur,
deren Bilder die Zeitungen füllten.
Eröffnungen, Empfänge, strahlende
Werktätige. Daneben die Zentrale
Kommission Fotografie im Kulturbund, die
über Ausstellungen und Titel wachte, und
die Fachzeitschrift Fotografie. Und unten?
Unten arbeiteten Leute wie Sibylle
Bergemann. Bergemann, 1941 in Berlin
geboren, fotografierte offiziell Mode für
die Zeitschrift Sibylle, die Vogue des
Ostens, ein halblegaler Sehnsuchtsort in
Grau. Ihre Modebilder sind eigenwillig,
keine Verkaufsheiterkeit, sondern
melancholische Frauen an der Spree, am
Brandenburger Tor, im Plattenbau. Mode als
Vorwand, um die Stadt zu zeigen. Daneben,
über zehn Jahre, ihr persönliches
Langzeitprojekt, das Denkmal, zwischen
1975 und 1986. Sie fotografierte das
Marx-Engels-Denkmal in Berlin-Mitte, immer
wieder, bei jedem Wetter, mit jedem Licht.
Und um das Denkmal herum das Leben.
Touristen, Schulklassen, Tauben, eine
Frau, die sich auf die Treppe setzt und
eine Banane isst. Das Staatsmonument wird
in ihren Bildern zu einem Stück
Stadtmöbel, das die Menschen ignorieren.
Das ist subversiver, als es klingt. Sie
dokumentierte den Abstand zwischen dem
Denkmal und der Wirklichkeit. Genau das,
was die obere Etage nicht sehen durfte.
Nach der Wende war sie Mitbegründerin der
Agentur Ostkreuz, des wichtigsten
deutschen Fotografen-Kollektivs. Mit ihr
eine ganze Generation. Arno Fischer, der
die Straßen Berlins fotografierte, Ost und
West, mit dem losen, assoziativen Blick,
den er als Lehrer in Leipzig an eine ganze
Schülergeneration weitergab. Evelyn
Richter, die Arbeiterinnen in den
Betrieben porträtierte. Echte, müde,
stolze Frauen, nicht die lachenden
Heldinnen der Wandzeitung. Ute Mahler mit
der Serie Zusammenleben. Menschen in ihren
Wohnungen, ohne Pose. Helga Paris, die in
Halle-Neustadt, der größten
Plattenbaustadt des Landes, Häuser und
Gesichter fotografierte. die triste,
stolze, komische Wirklichkeit des Alltags
in der Beton-Utopie. Alle fünf hatten
offizielle Aufträge, alle fünf hatten
Schränke. Und in den Schränken lag die
andere DDR. Polen Die Frau, die jedes Haus
des Landes fotografieren wollte. nach
Polen und dort zu einem der schönsten
Projekte der gesamten Serie. Zofia Rüdet,
geboren 1911, ist 67 Jahre alt, als sie
1978 beginnt, was sie ihren
»soziologischen Eintrag«, »Czapis
Soziologiczny«, nennt. Sie will das Innere
jedes polnischen Haushalts fotografieren.
Jeden. Sie klingelt unangemeldet an Türen,
schüttelt Hände, sagt Guten Tag, wie
schön, und wenn jemand zögert, setzte sie
ihr unschlagbares Argument ein. Sie mache
die Bilder für den Papst. Dann stellt sie
die Bewohner vor die Wand ihres eigenen
Wohnzimmers, Weitwinkel, Blitz, frontal,
immer dieselbe Distanz, dieselbe
Komposition, und um die Menschen herum ihr
ganzes Leben in Dingen, die Heiligenbilder
und die Erotikposter, die Häkeldeckchen
und die Fernseher, die Papstbilder und die
Hochzeitsfotos. Fast 20 Jahre lang zieht
sie so durchs Land, durch mehr als 100
Dörfer und Städte, bis zu ihrem Tod 1997.
Rund 20.000 Negative. Das Buch daraus
erschien zu Lebzeiten nicht. Ein
staatlicher Verlag hatte es zugesagt und
dann fallen lassen. Das Polen, das Rüde
zeigte, war zu arm, zu katholisch, zu
eigenwillig. Genau das ist die Pointe.
Ihre Bilder erzählten von einem Land, das
im offiziellen Bild nicht vorkam. Rüdet
selbst hat nie Abzüge von den meisten
Negative gemacht. Sie sagte nur, ich
zitiere sinngemäß, auch wenn sie es nicht
drucken, es bleibt. Vielleicht keine
Kunst, aber ein Dokument der Zeit. Und ein
zweiter Pole gehört hierher, ein stiller
Revolutionär der Bildtheorie, Jerzy
Lewczynski. 1961 stellt er in Gliwice eine
Ausstellung zusammen, die er »Pamięć
obrazu« nennt, »Das Gedächtnis des
Bildes«. Darin Familiennegative, die er im
Haus eines verstorbenen Fotografen
gefunden hatte. Fremde Menschen, fremde
Sonntage, fremde Hochzeiten. Gemischt mit
seinen eigenen Bildern, ohne
Kennzeichnung, was fremd und was eigen
ist. Das ist Konzeptkunst, bevor es den
Begriff gab. Levchinsky fragte, wem ein
Foto gehört, wenn alle darauf vergessen
worden sind. Im Westen dachte man solche
Gedanken 20 Jahre später. In der
Tschechoslowakei liegt der dramatischste
Fall der ganzen Folge. Truppen des
Warschauer Paktes überrollen den Prager
Frühling. Ein junger Theaterfotograf,
Josef Kudelka, Flugzeugingenieur, Amateur,
der noch nie ein Nachrichtenereignis
fotografiert hat, geht mit seiner Kamera
auf die Straße und hört tagelang nicht
auf. Er klettert auf Panzer, fotografiert
die Soldaten aus nächster Nähe, die
Menschen, die ihnen entgegentreten, die
Armbanduhren auf dem Wenzelsplatz, die
anzeigen, wie spät es ist, solange die
Zeit gehört. Tausende Aufnahmen. Was dann
passiert, ist ein Krimi. Die Negative
werden über Wien nach Amerika
geschmuggelt, zu Magnum, der Agentur, die
wir aus Folge 1 kennen. Im August 1969,
zum ersten Jahrestag, erscheinen die
Bilder weltweit. Im Londoner Sunday Times
Magazine und überall. Aber ohne Namen.
Unterzeichnet PP – Prague Photographer.
Koudelka lebte noch in Prag. Ein Name
hätte ihn das Leben kosten können. Im
selben Jahr erhält er die Robert Kepper
Gold Medal für besondere fotografische
Tapferkeit. Anonym. Ein Preis für einen
Mann ohne Namen. 1970 verlässt er das
Land. Erst 1984, nach dem Tod seines
Vaters, bekannte er sich öffentlich zu den
Bildern. Koudelka hat später einen Satz
über diese Fotografien gesagt, den ich
Ihnen nicht vorenthalten will. Sinngemäß,
die besten Bilder sind die, auf denen egal
ist, wer Tscheche und wer Russe ist.
Wichtig ist nur, einer hat eine Waffe, der
andere nicht. Und der ohne Waffe ist der
Stärkere. Die selbe Tschechoslowakei
beherbergte den vielleicht seltsamsten
Außenseiter der Fotogeschichte. Miroslav
Tichy, geboren 1926, Maler, der nach dem
Studium in seine Heimatstadt Kijov
zurückging, jahrelang als Subversiver im
Gefängnis und in psychiatrischer
Behandlung war und ab den 60er Jahren
begann, sich Kameras zu bauen. aus Pappe,
Blechdosen, alten Brillengläsern, Rohren.
Mit diesen Geräten, die aussahen wie Müll
und teilweise funktionierten, streifte er
durch die Stadt und fotografierte heimlich
Frauen, beim Einkaufen, am Schwimmbad, vor
den Fernsehern. Die Bilder, unscharf,
schief, fleckig, überbelichtet, er
zeichnete mit Bleistift darauf herum, ließ
sie in der Wohnung verrotten. Die Welt
erfuhr davon erst, als ein früherer
Nachbar das Material sammelte und 2004 auf
der Biennale von Sevilla zeigte. Ein Jahr
später bekam Tichy den Entdeckerpreis von
Arl. Man kann an Tichy vieles
problematisch finden, aber als Symbol
funktioniert er perfekt. Der Mann, dem der
Staat alles nahm, baute sich aus Müll ein
eigenes Sehen. Die letzte Konsequenz von
»Benütze Foto als Waffe« ist »Benütze Foto
als Eigenheim«. Ungarn nach 1956 Und kurz
nach Ungarn, wo nach dem
niedergeschlagenen Aufstand von 1956 eine
Fotografie entstand, die sich vorsichtig
wieder an die Wirklichkeit herantastete.
Ihr wichtigster Name, Peter Kornis, der
1967 begann, die große Binnenmigration zu
dokumentieren, die Menschen, die montags
aus den Dörfern in die Stadt pendelten und
freitags zurückkehrten, gestrandet
zwischen zwei Welten. Sein berühmtestes
Bild, der Gastarbeiter 1978, ein Mann
zwischen zwei Stühlen, wörtlich zwischen
Dorfküche und Stadtflur, zwischen zwei
Leben. Kornis zeigte, was die offiziellen
Bilder ausblendeten, dass der Sozialismus
seine eigenen Arbeiter zu Gästen im
eigenen Land gemacht hatte. Vielleicht
fragen Sie sich – und die Sowjetunion
selbst? Bisher haben wir Moskau nur als
Zentrum des Dekrets gesehen, als den Ort,
der die Bilder befahl. Aber auch dort, im
Kernland, gab es die zweite Etage. Und
ausgerechnet dort, wo die Kontrolle am
ältesten und am dichtesten war, entstand
die radikalste, inoffizielle Fotografie
des Ostens. Sie kommt aus Litauen und aus
einer Stadt in der Ukraine, von der heute
wieder alle Welt spricht. Die inoffizielle
Sowjetunion, Sutkus, Mikhailov und die
Freiräume der Amateure. Es ist ein
wunderbares Paradox. Der Staat, der die
Fotografie verstaatlicht hatte, schuf
gleichzeitig ihre größte Freistätte. Ohne
es zu wollen. Denn das System brauchte
Millionen Amateure. Fotozirkel in den
Kulturhäusern, Clubs in den Betrieben,
dunkle Kammern in den Plattenbauten. Wer
einmal gelernt hatte, einen Film zu
entwickeln, konnte das auch nachts privat
für Bilder tun, die kein Verband je
gesehen hatte. Die inoffizielle Fotografie
der Sowjetunion lebte aus der
Infrastruktur der Offiziellen, wie ein
Pilz auf dem eigenen Baum. Der erste Fall
zeigt, dass es auch anders ging, dass man
die Grenze von innen verschieben konnte.
Antanas Sutkos, geboren 1939, Litauer, ist
heute der bekannteste Fotograf seines
Landes. Sein Lebensprojekt trägt den
großen Titel »Planet der Menschen«.
Jahrzehntelang fotografierte er Litauen,
die Kinder, die Alten, die Dörfer, die
Strände der kurischen Nährung, das ganze
stille, unheroische Leben einer
Sowjetrepublik. 1965 entstand sein
berühmtestes Bild. Jean-Paul Sartre, der
die Nehrung entlang geht, ein kleiner
schwarzer Fleck gegen die riesige weiße
Düne. Der Philosoph als Wanderer in der
Landschaft, das Denken als Winzigkeit in
der Welt. Das Bemerkenswerte an Sotkus ist
nicht die Verfolgung. Es ist die
Strategie. 1969 gründete er die
Gesellschaft der Fotokunst Litauens, den
einzigen eigenständigen Fotografenverband
einer Sowjetrepublik. Ein eigener Verband
bedeutete eigene Ausstellungen, eigene
Entscheidungen, ein eigener Schutzraum.
Legal. Sutkus hat das System nicht
bekämpft. Er hat ihm einen respektvollen
Menschenblick abgetrotzt. Seine Bilder
sind sozialistisch im besten Sinn,
menschlich, würdevoll, solidarisch. Und
genau deshalb unbequem. Sie zeigen
Menschen, die nicht lächeln müssen. Im
offiziellen Katalog war der litauische
Fotorealismus bald ein Aushängeschild des
Landes. Dass er zugleich die stillste Form
von Kritik war, konnte niemand beweisen.
Boris Mikhailov und die Schule von
Kharkiv. Die Farbe Rot. Der zweite Fall
ist der harte, der kompromisslose. Boris
Mikhailov, geboren 1938 in Charkiv,
Ukraine, ist gelernter Ingenieur,
fotografiert nebenbei, bis 1969 der KGB in
seinem Labor Aktfotografien findet, Bilder
seiner eigenen Frau im eigenen Haus. Er
verliert die Arbeit und beschließt fortan
als Fotograf zu leben, außerhalb jeder
offiziellen Bahn. Was dann in Charkiv
entsteht, wird später Schule von Charkiv
heißen. Eine lose Gruppe von Fotografen,
die sich in Küchen trafen, Bilder auf dem
Boden ausbreiteten, diskutierten und eine
Gegenästhetik entwickelten, die jede
Tugend der offiziellen Fotografie
verletzte. Unscharf, wo schärfe Pflicht
war. Verwackelt, wo Haltung gefragt war.
Handkoloriert, wo Dokumentation verlangt
wurde. Alltag, wo Helden gefordert waren,
leere Regale, betrunkene Männer, Schnee,
Warteschlangen, die absurde Poesie des
sowjetischen Alltags. Mikhailovs frühestes
Meisterwerk ist eine Serie, die einfach
»Rot« heißt, entstanden Ende der 60er bis
Mitte der 70er Jahre. Straßenszenen aus
Charkiv, in denen immer irgendwo Rot
vorkommt, eine Fahne, ein Verkehrsschild,
ein Schal, ein Plakat. Das Rot des
Staates, überall, unvermeidlich, wie eine
Hintergrundstrahlung. Man braucht keine
Symboldeutung, um zu verstehen, was diese
Bilder sagen. Die Ideologie ist nicht der
Gegenstand der Fotos, sie ist ihre
Atmosphäre. Solche Serien konnte man nicht
ausstellen. Man zeigte sie in Wohnzimmern,
Freunden, in den Fotozirkeln. Mikhailov
sagte später, die Dunkelkammer sei damals
ein Ort der Freiheit gewesen, der einzige
Raum, in dem die Wirklichkeit unzensiert
auftauchen durfte. Die Logik des
Untergrunds Drei Generationen, drei
Umkehrungen Treten wir einen Schritt
zurück und lesen die 70 Jahre als eine
einzige Bewegung. Dann sehen wir drei
Umkehrungen. Die erste Generation,
Rodchenko, Lisicki, glaubte, die neue Form
schafft die neue Wirklichkeit. Form als
Revolution Die zweite Generation, die des
Dekrets von 1932 lernte, der Staat
definiert, was Wirklichkeit ist. Realismus
als Prognose Wer nicht mitmachte, wurde
getilgt, aus den Bildern, manchmal aus dem
Leben. Und die dritte Generation, Rüdet,
Koudelka, Tichy, Michailov, antwortete,
dann dokumentieren wir die Wirklichkeit
eben privat. Die Wirklichkeit selbst wurde
zum Widerstand. Nicht die Schärfe, nicht
die Montage, nicht der Traum, sondern der
leere Laden, die Plattenbauküche, der
betrunkene Mann im Schnee. Im Westen war
das Banalität, im Osten war es Courage.
Das ist, glaube ich, die tiefste Lektion
dieser Folge. Was ein Foto bedeutet,
entscheidet sich nicht im Bild, sondern im
System, in dem es entsteht. Dieselbe
unscharfe Alltagsaufnahme ist in New York
Stil und in Kharkiv Staatsvergehen. Es
gibt keinen neutralen Realismus. Den Satz
aus Folge 1 hat der Ostblock mit einer
Konsequenz bewiesen, die wir uns im Westen
kaum vorstellen können. Er hat ihn
polizeilich durchgesetzt. Und die
Gegenseite hat ihn genauso ernst genommen.
Menschen riskierten Beruf, Freiheit und
Leben für Negative, die heute in den
Depots von Tate Modern und dem MoMA
liegen. Nachspiel 1989 und danach Und das
Ende? Das Ende kennen Sie aus den
Nachrichten 1989 die Mauer 1991 die
Sowjetunion selbst Das System, das 70
Jahre lang entschieden hatte, was
Wirklichkeit ist, verschwand, buchstäblich
über Nacht. Was die Kameras dann zeigten,
war kein Triumphbild. Boris Mikhailov
begann in den 90er Jahren seine Serie Case
History, Fallgeschichte, Porträts der
Obdachlosen von Kharkiv, der Verlierer des
Systemwechsels, Menschen, die zwischen den
Ruinen zweier Systeme standen. Er bezahlte
sie für die Aufnahmen und wurde dafür
heftig kritisiert. Seine Antwort war
typisch für ihn. Er zeige, was ist. Und
wer das bezahlen muss, soll das bitte
nicht mit dem Fotografen verwechseln. Case
History ist das bittere Gegenstück zu USSR
in Construction. 60 Jahre später, dieselbe
Stadt, dieselbe Kamera. Aber diesmal kein
Staat mehr, der vorschreibt, was
Wirklichkeit ist. Nur noch die
Wirklichkeit selbst. Und sie ist
unbarmherzig. Vielleicht ist das der
eigentliche Schluss des sowjetischen
Bildexperiments. Der Staat konnte die
Fotografie 70 Jahre lang befehlen. Aber er
konnte sie nicht für immer lügen lassen.
Die Negative in den Schränken haben ihn
überlebt. Von Kharkiv zurück nach New
York. Denn zur selben Zeit, als der Osten
sein einziges wahres Bild verordnete,
trieb der Westen seine eigene Version
desselben Traums auf die Spitze. Dazu
gleich mehr. Zuerst die Bilanz. Vier
Thesen zum Abschluss. Die sowjetische
Avantgarde, Rodchenko, Lisicki, das
Prachtmagazin USSR in Konstruktion, erfand
zwischen 1917 und 1932 die modernste
Bildsprache ihrer Zeit und glaubte, die
Form selbst sei die Revolution. Ihr Staat
übernahm die Form und beseitigte die
Freiheit. Dieselbe Schräge kann Freiheit
bedeuten oder Herrschaft. An der Ästhetik
allein erkennt man es nicht. Mit dem
Beschluss vom 23. April 1932 und dem
Schriftstellerkongress von 1934 wurde
Realismus zur Staatsdefinition.
Wirklichkeit in ihrer revolutionären
Entwicklung. Das Bild als Prognose und
Lehrmittel. Wer nicht in die Zukunft
passte, wurde wegretuschiert. Trotzki aus
der Revolution, Jeschow ans Kanalufer. Die
Fotomontage der Avantgarde zeigte ihre
Nähte, die Retusche des Staates versteckte
sie. Dieselbe Technik entgegengesetzte
Ethik. Nach 1945 verdoppelte sich die
Wirklichkeit im ganzen Block. Die
offizielle Etage oben, die private unten.
Sibylle Bergemann fotografierte das
Denkmal, das alle ignorierten. Zofia Rüdet
sammelte 20.000 polnische Wohnzimmer, die
zu arm fürs offizielle Bild waren. Josef
Kudelka musste seine Panzerbilder als PP
veröffentlichen. Miroslav Tichy baute sich
aus Müll ein eigenes Sehen. Was im Schrank
lag, ist heute der Kanon. In der
Sowjetunion selbst antwortete die
inoffizielle Fotografie, Sutkus mit dem
Schutzraum des legalen Verbands, Mikhailov
und die Schule von Kharkiv mit einer
Gegenästhetik aus Unschärfe,
Handkolorierung und leeren Regalen. drei
Generationen, drei Umkehrungen, Form als
Revolution, Realismus als Dekret,
Wirklichkeit als Widerstand. Und 1989
überlebten die Negative den Staat, der sie
verboten hatte. Ausblick Und der Westen?
1955, mitten im Kalten Krieg, kuratiert
Edward Steichen in New York die größte
Fotoschau aller Zeiten, The Family of Man.
Ein Bild für die ganze Menschheit, eine
Wahrheit für alle. Man könnte sagen, der
sozialistische Realismus des Westens, nur
weicher, humanistischer, freiwillig. Auch
dort glaubte man an das eine Bild. Und
dann stieg ein Schweizer in einen
gebrauchten Ford, fuhr zwei Jahre durch
Amerika und begrub mit 83 Fotografien den
Glauben an die neutrale Wahrheit für beide
Systeme. Robert Frank, William Klein, die
Bechers, und am Ende die Pointe, auf die
unsere ganze Serie zuläuft, die Maler, die
anfingen, Fotos zu malen. Alle Bilder
dieser Folge – Kaldés Reichstagsfahne,
Rodchenkos Pionier, das getilgte
Jeschoff-Foto, Baltermanns Trauer, Rüdes
Wohnzimmer, Koudelkas Prager Panzer,
Michailovs Rot – finden Sie verlinkt in
den Shownotes. Und eine Frage hätte ich an
Sie. Kaldai retuschierte die Beuteuhr und
hielt sein Bild trotzdem für wahr. Der
Sieg war wahr. Hat er recht? Kann ein
arrangiertes Bild eine wahre Geschichte
erzählen? Und wo ist ihre Grenze?
Schreiben Sie es in die Kommentare oder
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Sie den Podcast jetzt. Folge 4 ist bereits
in Arbeit. Ich danke Ihnen fürs Zuhören.
70 Jahre lang hat ein Staat versucht, der
Wirklichkeit ihr Aussehen vorzuschreiben.
Am Ende hatte die Wirklichkeit das bessere
Archiv. Das war Fotorealismus in der
Kunst. Der Staat befiehlt das Bild. Folge
3. Mein Name ist Brigitte. Bis zur
nächsten Folge, wenn der Blick subjektiv
wird.
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