Gfa-Kulturwelten: Fotorealismus. 1900 - 1950
Von der Malerei- Falle zur scharfen Wirklichkeit
15.08.2026 63 min
Zusammenfassung & Show Notes
Warum sahen Fotos um 1900 aus wie Gemälde — und wer befreite die Fotografie aus dieser „Malerei-Falle"? Die erste Folge der Serie erzählt vom Piktorialismus und Edward Steichens Mondlicht-Weiher, von Eugène Atgets leeren Straßen und Anton Josef Trčkas Klimt-Porträts, von der Neuen Sachlichkeit und den scharfen Bildern Edward Westons und Tina Modottis — bis zu Lewis Hine, der FSA und der Gründung von Magnum. Eine Geschichte darüber, wie das Fotografieren zur Entscheidung wurde.
GfA Kulturwelten
Kunst, Musik und Kulturgeschichte, ein Podcast der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Die Reihen wechseln, bisher unter anderem eine Serie zur Kunst der Kunstbewertung und eine zur Geschichte des Tango Argentino, von den Anfängen in Buenos Aires bis nach Paris. Zu jeder Folge gibt es ausführliche Shownotes mit Literaturangaben, für alle, die weiterlesen wollen.
Von Brigitte E. S. Jansen. Gesprochen wird die Reihe u.a. von Brigittes geclonter Stimme und von KI-Stimmen.
Um 1900 wollten Fotografen Künstler sein — und machten ihre Bilder deshalb absichtlich unscharf. Diese Folge beginnt mit einem Rekord: Edward Steichens „The Pond—Moonlight" (1904), 2006 für 2,9 Millionen Dollar versteigert — ein Foto, das ein Gemälde sein wollte. Dem Piktorialismus steht die „Gerade Fotografie" gegenüber: Bilder, die nicht malen, sondern zeigen.
Die Stationen:
- Piktorialismus & Photo-Secession: Steichen, Stieglitz, der Gummidruck — die Fotografie verkleidet sich als Kunst
- Die stillen Gegenentwürfe: Eugène Atget fotografiert das alte Paris ohne Menschen; Anton Josef Trčka porträtiert 1914 Klimt und Schiele in Wien — scharf, direkt, ungeschminkt (Trčka starb 1940, sein Nachlass verbrannte 1944)
- Neue Sachlichkeit & Neues Sehen: August Sanders Menschen des 20. Jahrhunderts, Blossfeldt als Lehrer des Sehens, Renger-Patzsch' „Die Welt ist schön"; Erich Salomon erfindet mit der Ermanox den modernen Bildjournalismus; die Stuttgarter Ausstellung „Film und Foto" 1929
- Theorie-Dreieck: Kracauer (1927), Benjamin (1931), Brecht (1934) — drei Antworten auf die Frage, was ein Foto über die Wirklichkeit verrät
- Straight Photography in Amerika: Edward Weston („Pepper No. 30" — die „Quintessenz des Dinges selbst"), Tina Modotti in Mexiko („Workers Parade" 1926), die Gruppe f/64 (1932)
- Dokument und Humanismus: Lewis Hines Reformfotografie, die Farm Security Administration (Dorothea Langes „Migrant Mother" 1936), Robert Capa am D-Day, die Gründung von Magnum Photos 1947
Kerngedanke: Es gibt keinen neutralen Realismus — jedes scharfe Bild ist eine Entscheidung, und die Frage ist, wer sie trifft.
Zeitplan:
[00:00] Intro: Steichens Auktionsrekord · [04:00] Die Malerei-Falle: Piktorialismus, Atget, Trčka · [17:30] Europa: Neue Sachlichkeit, Salomon, Film und Foto · [30:00] USA und Mexiko: Weston, Modotti, f/64 · [43:30] Reform, Krieg und Humanismus: Hine, FSA, Capa, Magnum · [54:30] Schluss und Ausblick auf Folge 2
[00:00] Intro: Steichens Auktionsrekord · [04:00] Die Malerei-Falle: Piktorialismus, Atget, Trčka · [17:30] Europa: Neue Sachlichkeit, Salomon, Film und Foto · [30:00] USA und Mexiko: Weston, Modotti, f/64 · [43:30] Reform, Krieg und Humanismus: Hine, FSA, Capa, Magnum · [54:30] Schluss und Ausblick auf Folge 2
Kontakt: b@gfaev.de
Theorie, Selbstzeugnisse und fotografische Primärquellen der Episode
- Siegfried Kracauer: „Die Photographie“. Erstveröffentlichung: Frankfurter Zeitung, 28. Oktober 1927; wieder abgedruckt in: Ders., Das Ornament der Masse. Essays, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1963, S. 21–39.
- Walter Benjamin: „Kleine Geschichte der Photographie“. Erstveröffentlichung in drei Teilen in Die literarische Welt, September/Oktober 1931; wieder abgedruckt in: Ders., Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1963, S. 45–64.
- Bertolt Brecht: „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“, 1931, zuerst veröffentlicht in der Reihe Versuche, Heft 3.
- August Sander: Antlitz der Zeit. Sechzig Aufnahmen deutscher Menschen des 20. Jahrhunderts, mit einer Einleitung von Alfred Döblin, München: Transmare Verlag / Kurt Wolff Verlag 1929.
- Albert Renger-Patzsch: Die Welt ist schön. Einhundert photographische Aufnahmen, herausgegeben und eingeleitet von Carl Georg Heise, München: Kurt Wolff Verlag 1928.
- Karl Blossfeldt: Urformen der Kunst. Photographische Pflanzenbilder, mit Karl Nierendorf, Berlin: Ernst Wasmuth 1928.
- Eugène Atget: Lichtbilder, mit einer Einführung von Camille Recht, Paris/Leipzig: Henri Jonquières 1930.
- Erich Salomon: Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken, Stuttgart: J. Engelhorns Nachf. 1931.
- Edward Weston: The Daybooks of Edward Weston, 2 Bände, hrsg. von Nancy Newhall, New York: Horizon Press / Rochester: George Eastman House, 1961–1966.
- Robert Capa: Slightly Out of Focus, New York: Henry Holt and Company 1947.
Kontextliteratur
- Beaumont Newhall: Geschichte der Photographie, aus dem Englischen von Reinhard Kaiser, München: Schirmer/Mosel 1984. Englisches Original: The History of Photography from 1839 to the Present Day, New York: Museum of Modern Art 1949.
Online-Quellen – Museen und Institutionen
- Metropolitan Museum of Art, Heilbrunn Timeline of Art History: „Eugène Atget (1857–1927)“
- Metropolitan Museum of Art: Anton Joseph Trcka, Egon Schiele, 1914
- Metropolitan Museum of Art, Heilbrunn Timeline of Art History: „Group f/64“
- Library of Congress: National Child Labor Committee Collection – Fotografien von Lewis Hine und anderen
- Museum of Modern Art: Tina Modotti, Workers Parade, 1926, Audio-Kommentar von Kuratorin Eva Respini
- Museum of Modern Art, Object:Photo: Edward Weston, Steel: Armco, Middletown, Ohio, 1922
- Museum of Modern Art: Ausstellung Road to Victory, 1942
- International Center of Photography: Erich Salomon
- Art Institute of Chicago: The Alfred Stieglitz Collection
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Transkript
Im Februar 2006 kommt in New York bei
Sotheby's ein Foto unter den Hammer. Es
zeigt einen Weiher im Mondlicht, drei
schwarze Bäume am Ufer, alles in samtenem
Blau-Grün getaucht, weich, traumhaft,
verschwommen. Es sieht aus wie ein
impressionistisches Gemälde. Es ist aber
eine Fotografie, entstanden 1904,
aufgenommen von Edward Steichen. The Pond,
Moonlight. An diesem Abend wird es für 2,9
Millionen Dollar verkauft. Zu diesem
Zeitpunkt das teuerste Foto der Welt. Und
damit sind wir mitten in der Paradoxie, um
die es heute geht. Das wertvollste Foto
seiner Zeit war eines, das mit allen
Tricks so tat, als wäre es gar kein Foto.
Handbearbeitet, mehrfach beschichtet,
weichgezeichnet, eine Fotografie, die ihre
eigene Natur verleugnet, um als Kunst
ernst genommen zu werden. Diese Folge
erzählt, wie die Fotografie genau diese
Verkleidung ablegte und in 50 Jahren einen
radikal anderen Weg ging, hin zu einer
Schärfe, die behauptete, die Wirklichkeit
selbst sei genug. und wie dieser
Realismus, der so unschuldig klingt, in
Wahrheit eine der größten Kampfansagen der
Kunstgeschichte war. Willkommen bei GFA
Kulturwelten, dem Podcast über die großen
Fragen der Kunst, Kultur und ihrer
Geschichte jenseits der Museumsetiketten.
Ich bin Brigitte, der Host dieses
Podcasts. Heute beginnt unsere
sechsteilige Serie über den Fotorealismus
in der Kunst mit Folge 1 von der
Malereifalle zur scharfen Wirklichkeit.
die Jahre 1900 bis 1950. Gleich vorweg
eine Begriffsklärung, denn das Wort hat
einen doppelten Boden. Streng
kunsthistorisch bezeichnet Photorealismus,
englisch Photorealism, eine
Malerei-Richtung, die erst Ende der 1960er
Jahre entsteht. Künstler wie Richard Estes
und Chuck Close, die Fotografien
detailgetreu auf Leinwand übertragen. Der
Galerist Louis K. Meisel prägt den Begriff
dafür 1969. Das ist das Ziel unserer
Serie, aber der Weg dorthin beginnt viel
früher. Unser eigentliches Thema ist das,
was man das Realismusprojekt der
Fotografie nennen könnte. Die Jahrzehnte,
in denen die Fotografie aufhörte Malerei
spielen zu wollen und ihre eigene
kompromisslose Form von Wirklichkeitstreue
erfand. Diese erste Folge erzählt die
Geschichte in vier Kapiteln. Erstens der
Piktorialismus um 1900, die Fotografie im
Malereikostüm von Stieglitz New Yorker
Photo Secession über den stillen Pariser
Eugène Atke bis zum expressiven Wien des
Anton Josef Triczka. Zweitens, das Europa
der 20er Jahre, neue Sachlichkeit, neue
Seen, Sander, Blossfeld, Rengapatsch und
die Geburt des modernen Bildjournalismus.
Drittens, Amerika und Mexiko, die Straight
Photography von Edward Weston, die Gruppe
F64 und die große Tina Modotti. Und
viertens, die Jahrzehnte, in denen das
realistische Foto politisch wird, von der
Reformfotografie Louis Heinz über die
Sozialdokumente der 30er Jahre bis zum
Weltkrieg und der Gründung von Magnum. Und
damit Sie wissen, was noch kommt. In Folge
2 wenden wir uns der Gegenbewegung zu, der
Avantgarde, die die Kamera nicht der
Wirklichkeit, sondern dem Traum dienstbar
machte. Man Ray, Hannah Höch, Claude
Cahun, Lee Miller und andere. Danach der
Realismus im Ostblock, der subjektive
Blick der 50er Jahre, Pop und Mode und
schließlich die Kulturwelten jenseits des
Westens. Die These, die ich Ihnen heute
anbiete, Realismus in der Fotografie war
nie ein Automatismus der Kamera. Er war
immer ein Programm, eine Entscheidung,
eine Ethik, manchmal eine
Propagandastrategie. Und genau deshalb ist
er Kunst. 1900 bis 1918 die Verkleidung
als Malerei, Piktorialismus, Fotosecession
und zwei Gegenentwürfe. Um zu verstehen,
was die Fotografie um 1900 verkleidete,
muss man wissen, woran sie litt. An einem
Minderwertigkeitskomplex? Seit ihrer
Erfindung 1839 galt sie als Handwerk, als
Apparatur, als chemischer Trick, nützlich
für Pässe, Polizeiakten und Postkarten,
aber kein Medium für Künstler. Die Malerei
thronte unangefochten als Königin der
Künste, also beschloss die ambitionierte
Fotografie der Jahrhundertwende. Wenn wir
schon nicht Malerei sind, dann sehen wir
wenigstens so aus wie sie. Das ist die
Geburtsstunde des Piktorialismus, der der
malerischen Fotografie. Die Methode des
Piktorialismus ist Verwischung als Tugend.
Man fotografiert mit
Weichzeichnerobjektiven, man wählt neblige
Landschaften, verschleierte Damen,
symbolistische Allegorien und vor allem
man bearbeitet den Abzug von Hand. Im
Gummidruck, dem Lieblingsverfahren der
Epoche, wird die lichtempfindliche Schicht
mit Pigmenten versetzt und mit dem Pinsel
entwickelt. Der Fotograf kann Details
wegwischen, abdunkeln, verändern, fast wie
ein Maler. Jedes Bild ein Unikat, jede
Maschinenspur verwischt. Internationale
Bruderschaften tragen das Programm in die
Welt. Die Linked Ring in London, der
Photoclub de Paris, die Wiener
Kameraklub-Schule. Auf Salonausstellungen
hängen Fotografien, die wie
Whistler-Gemälde aussehen wollen. Und oft
genug täuscht der Trick auf den ersten
Blick. Das meisterhafteste Beispiel ist
das Bild aus unserer Einleitung. Edward
Steichens The Pond, Moonlight von 1904.
Steichen, geboren in Luxemburg,
aufgewachsen in Amerika, gilt als das
Wunderkind dieser Bewegung. Für den Weiher
bei Nacht kombinierte er mehrere
lichtempfindliche Schichten von Hand, um
die Farbwirkung zu erzielen, das Bild ist
weniger aufgenommen als komponiert. Dass
ausgerechnet dieses Werk ein Jahrhundert
später den Auktionsrekord holte, zeigt,
wie tief der Piktorialismus unseren Blick
auf die Frühzeit der Fotografie bis heute
prägt. Stieglitz und die Fotosuggestion –
Kampf um Anerkennung. In Amerika wird der
Piktorialismus zur organisierten Bewegung
durch einen Mann, der die ganze Folge über
immer wieder auftauchen wird, Alfred
Stieglitz, Fotograf, Herausgeber,
Galerist, Zampano, ein Impresario, der aus
der Fotografie eine Ersatzreligion machte.
1902 gründet er in New York die Photo
Secession. Der Name ist Programm und
zitiert bewusst die Künstlersezessionen
von Wien und München. Abspaltung von den
Amateurfotoclubs, von denen man sich
verachtet fühlte. Sein Statut von 1903
fordert die Anerkennung der Fotografie,
ich zitiere, nicht als Markt der Kunst,
sondern als eigenständiges Medium
individuellen Ausdrucks. Merken Sie sich
diese Formulierung, sie klingt modern,
aber die Praxis der Fotosecession ist
zunächst piktorialistisch durch und durch,
weich, getönt, von Hand bearbeitet.
Stieglitz baut zwei Institutionen, die
Geschichte machen. Erstens die Zeitschrift
Camera Work ab 1903 auf edlem Papier mit
handgefertigten Fotografüren. Bis 1917
erscheinen 50 Hefte, das vielleicht
schönste Periodikum, das die Fotografie je
hatte. Und zweitens ab November 1905 die
Galerie 291 in der Fifth Avenue 291, drei
enge Räume, bespannt mit Jute. Dort hängen
zuerst die Fotografen der Secession,
Steichen selbst, Gertrude Käsebier,
Clarence White. 1910 erreicht die Bewegung
ihren institutionellen Höhepunkt. Die
Albright Art Gallery in Buffalo, ein
richtiges Kunstmuseum, zeigt eine große
Ausstellung piktorialistischer Fotografie,
584 Abzüge in acht Sälen. Für Stieglitz
ist es der Beweis, die Fotografie ist im
Tempel der Kunst angekommen. Aber, und das
ist die Ironie, der Preis der Aufnahme war
die Selbstverleugnung. Die Fotografie
wurde akzeptiert, weil sie keine
Fotografie mehr sein wollte. Genau das
wird der Stein des Anstoßes für die
nächste Generation. Der stille
Gegenentwurf Eugène Attier Während die
Fotografiesalons um die halbe Welt darum
wetteifern, wer am meisten wie Malerei
aussieht, geht in Paris ein Mann mit einer
hölzernen Balgenkamera durch die Straßen,
der sich an all dem nicht beteiligt.
Eugène Atget, ein gescheiterter
Schauspieler, ein Autodidakt, ein
Eigenbrötler. Seit den 1890er Jahren
fotografiert er das alte Paris, die
Straßen im Morgengrauen, bevor die
Menschen kommen, Ladenfronten,
Schaufensterpuppen, Treppenhäuser, die
Parks von Versailles und Saint-Cloud,
Baumspiegelungen im Wasser. Tausende
Platten. Er verkauft sie in Mappen mit dem
schlichten Etikett Dokumente für Künstler,
als Vorlagen für Maler, Dekorateure,
Kunsthandwerker. Nicht als Kunst, als
Material. Und genau darin liegt die
Pointe. Adget ist der radikalste Realist
seiner Epoche, gerade weil er gar nicht
Künstler sein will. Keine Weichzeichnung,
keine Handarbeit, keine Allegorie, nur die
Stadt, wie sie ist, in einem Licht, das
die Dinge gleichzeitig nüchtern und
geisterhaft erscheinen lässt. Die
Surrealisten werden ihn in den 20er-Jahren
entdecken und als einen der Iren feiern.
Man Ray druckt seine Bilder. Atket selbst
hat das alles nicht mehr erlebt. Er stirbt
1927, weitgehend unbekannt. Seinen
Nachlass, tausende Negative, rettet eine
junge Amerikanerin, die bei Man Ray in die
Leere gegangen ist, Berenice Abbott. Sie
bringt die Platten nach New York und macht
es zu ihrer Lebensaufgabe, Adjet in den
Kanon zu schreiben. Ihr werden wir in der
nächsten Folge wieder begegnen. Und auch
die Surrealisten, die Adjet so liebten,
bekommen dann ihr eigenes Kapitel. Merken
wir uns. Schon um 1900 gab es ihn also,
den anderen Weg. Die Fotografie musste
sich nicht verkleiden. Sie konnte einfach
hinsehen. Es dauerte nur 20 Jahre, bis die
Welt das begriff. Das Wiener Modell Anton
Josef Trzka Ein zweiter Gegenentwurf
entsteht in Wien. Ein expressiver,
psychologischer Bildrealismus. Sein
Protagonist ist heute fast vergessen, und
das zu Unrecht. Anton Josef Triczka,
geboren 1893 in Wien, tschechischer
Herkunft, der seine Werke mit dem Kürzel
Antios signierte, zusammengesetzt aus den
Anfangsbuchstaben seiner Vornamen.
Tritschka lernt ab 1911 an der
Kaiserlich-Königlichen Grafischen Lehr-
und Versuchsanstalt, übrigens im selben
Jahrgang wie Trude Fleischmann und Rudolf
Kopitz, zwei Namen, die die
österreichische Fotografie der Zwanziger
prägen werden. Sein Ruhm gründet sich auf
zwei Porträtserien aus dem Jahr 1914,
aufgenommen mit 21 Jahren, Gustav Klimt
und Egon Schiele. Schauen Sie sich die
Klimt-Bilder einmal an, sie sind in den
Shownotes verlinkt. Klimt im indigoblauen
Malerkittel, die Katze auf dem Arm, mal
frontal wie eine Ikone, mal in exaltierter
Pose mit weit ausgebreiteten Armen.
Tritschka inszeniert ihn als Malerfürsten,
als Grandseigneur der österreichischen
Kunst. Und Schiele, den er durch
Vermittlung kennengelernt hatte,
fotografiert er als das pure Gegenteil.
Verkrampfte tänzerische Gesten, gespreizte
Finger, verzerrte Hände, Bilder, die
Schieles eigene Gemälde zitieren und
zugleich etwas dokumentieren, was kein
Gemälde konnte, die nervöse körperliche
Präsenz dieses Genies. Technisch ist
Tirtschka ein Grenzgänger. Er arbeitet mit
dem Bromölverfahren, bearbeitet die
Negative mit dem Pinsel, beschreibt die
Abzüge von Hand mit Namen und Signaturen.
Piktorialistische Mittel also. Aber der
Effekt ist kein weichgezeichneter Traum,
sondern psychologische Schärfe. Er selbst
hat es später auf den Punkt gebracht. Ich
zitiere, ich war ein Schüler von Egon
Schiele und Gustav Klimt. Ein Fotograf,
der bei Malern in die Leere ging, ohne
ihre Kunstform zu kopieren. Warum erzähle
ich das so ausführlich? Weil Tirtzschka
zeigt, dass es um 1910 noch alles offen
war. Hätte die Geschichte anders gespielt,
wäre vielleicht sein Weg der expressive
Bildrealismus, die Fotografie als
psychologisches Porträt, der europäische
Mainstream geworden. Es kam anders.
Tirtschka wurde 1916 Soldat, arbeitete
später vor allem als Maler und
Kunsthandwerker, gab die Fotografie um
1930 fast ganz auf und starb 1940
hochgradig vergessen. Den Rest besorgte
ein Bombenangriff. 1944 zerstörte eine
Bombe sein Wiener Atelier. Fast sein
gesamter fotografischer Nachlass ging in
Flammen auf. Was uns bleibt, sind wenige
Dutzend Abzüge in Museumssammlungen und
die Frage, was hätte werden können? Die
Krise des Piktorialismus, The Steerage und
der Krieg. Der Piktorialismus zerbricht
von innen, und zwar in seinem eigenen
Zentrum bei Stieglitz. 1907 auf einer
Atlantiküberfahrt fotografiert er das
Zwischendeck eines Dampfers, The Steerage.
Auswanderer, zurückreisend nach Europa,
auf zwei Decks-Ebenen gedrängt, ein
Messinghut glänzt im Licht, eine Gangway
schneidet das Bild diagonal. Kein Nebel,
keine Handarbeit, keine Allegorie. Eine
Momentaufnahme sozialer Wirklichkeit, die
zugleich eine strenge geometrische
Komposition ist. Stieglitz selbst spürte
sofort, dass ihm hier etwas gelungen war.
Picasso soll das Bild später bewundert
haben. Und doch brauchte Stieglitz Jahre,
um die Konsequenz zu ziehen. The Steerage
erschien in Camera Work erst 1911.
Parallel geschieht etwas Bezeichnendes in
der Galerie 291. Ab 1908 zeigt Stieglitz
dort zunehmend keine Fotografie mehr,
sondern die europäische Avantgarde,
Zeichnungen von Rodin, Dan Matisse,
Toulouse-Lautrec, Cezanne, Picasso,
Broncuschi, fünf Jahre bevor die Armory
Show Amerika mit der Moderne bekannt
macht. Die Fotogalerie wird zum Tor der
modernen Malerei und die Fotografen der
Secession fühlen sich verraten. Die
Bewegung zerfasert. Mit dem Ersten
Weltkrieg, der auch die Kulturachse
zwischen Europa und Amerika zerreißt,
bricht sie endgültig zusammen. 1917 stellt
Stieglitz sowohl die Galerie als auch
Camera Work ein. Aber das letzte Heft von
Camera Work ist ein Fanal. Es gehört ganz
einem jungen Fotografen namens Paul
Strand. Harte, scharfe, unmanipulierte
Bilder, Schatten auf einer Veranda, eine
blinde Bettlerin auf der Straße, damit ist
der Staffelstab übergeben. Lassen Sie uns
die Bilanz des ersten Kapitels ziehen. Der
Piktorialismus starb, weil er die
Fotografie negativ definierte. Als
Nichtmalerei. Die Moderne wird sie positiv
definieren. Durch das, was nur sie kann.
Schärfe, Schnitt, Sekundenbruchteile. Die
Dinge selbst. Und die stillen Realisten,
Atget in Paris, Tirtschka in Wien, hatten
es längst vorgemacht. Der Erste Weltkrieg
hat Europa verwüstet und mit ihm die Welt,
für die der Piktorialismus gemacht war.
Nebelstimmungen und verträumte Allegorien
wirken nach vier Jahren Schützengraben wie
aus einer anderen Galaxie. Die Künstler
der Nachkriegszeit wollen etwas anderes.
Nüchternheit, Klarheit, Dinge. Und
ausgerechnet das Medium, das sich gerade
von der Malerei emanzipiert hat, erweist
sich als perfektes Instrument dieser neuen
Sachlichkeit. Wir gehen nach Deutschland,
Anfang der 20er Jahre. 1918 bis 1933
Europa. Neue Sachlichkeit, neues Sehen und
die Geburt des Bildjournalismus. Die Kunst
der Nachkriegszeit steht vor einer
existenziellen Frage. Der Expressionismus
hat die Form verzerrt, die Abstraktion
löst die Gegenständlichkeit auf, der
Dadaismus erklärt den Schrott zum Bild.
Mitten in dieser Krise des Sichtbaren
stellt sich die Fotografie neu auf und
findet in Deutschland zwei Antworten, die
wie Geschwister sind und doch Gegensätze.
Die neue Sachlichkeit und das neue Sehen.
Die eine will die Welt inventarisieren,
die andere will das Sehen selbst neu
erfinden. Die neue Sachlichkeit, Realismus
als Inventur. Der Begriff »neue
Sachlichkeit« kommt ursprünglich aus der
Malerei. Gustav Friedrich Hartlaub,
Direktor der Mannheimer Kunsthalle, bringt
ihn 1923 ins Spiel und macht ihn 1925 zum
Titel einer berühmten Ausstellung. Gemeint
ist eine Kunst, die nach den Exzessen der
Kriegs- und Revolutionsjahre wieder
nüchtern, kühl, präzise auf die Dinge
blickt. In der Fotografie bekommt diese
Haltung eine besondere Schärfe, im
doppelten Wortsinn. Drei Protagonisten
muss man kennen. Erstens August Sander,
ein Kölner Fotograf, der sich an ein
Projekt von fast wahnsinnigem Ausmaß
macht, Menschen des 20. Jahrhunderts. Er
will die gesamte deutsche Gesellschaft
porträtieren, geordnet nach Ständen und
Berufen. Bauern, Bäcker, Maurer, Lehrer,
Industrielle, Arbeitslose, Musiker. 1929
erscheint ein erster Band, Antlitz der
Zeit, 60 Porträts. Sanders Methode ist
radikal unspektakulär. Die Menschen stehen
frontal bei Tageslicht mit ihren
Werkzeugen, in ihrer Kleidung, kein
Pathos, keine Weichzeichnung, keine
Inszenierung und gerade dadurch entsteht
etwas Unheimliches. Diese Bilder behaupten
die Wahrheit einer ganzen Epoche zu
zeigen, den Menschen als Typus. Sander ist
der vielleicht konsequenteste Realist des
Jahrhunderts, weil er das Individuum ganz
in der Sache aufgehen lässt. Das Regime,
das wenige Jahre später an die Macht kam,
bestrafte ihn dafür. 1934 ließen die
Nationalsozialisten Antlitz der Zeit
beschlagnahmen und die Druckplatten
zerstören. Ein Volk, sauber typologisiert,
mit all seinen Kümmernissen und
Mischungen, passte nicht ins
Propagandabild. Zweitens Karl Bloßfeld,
eigentlich Lehrer an einer Berliner
Kunstgewerbeschule, jahrzehntelang kein
Künstler im eigenen Anspruch. Bloßfeld
baut sich Kameras, die Pflanzen bis auf
das Dreißigfache vergrößern und
fotografiert Blüten, Blätter, Samenstände
vor neutralem Grund. Was da zum Vorschein
kommt, ist atemberaubend. Ein Adlerfarn
wird zur gotischen Säule, ein Distelkelch
zur eisernen Architektur. 1928 erscheint
sein Buch »Urformen der Kunst« und wird
sofort als Sensation gefeiert. Bloßfeld
liefert den scheinbar schlagenden Beweis,
die Wirklichkeit selbst ist der größte
Formkünstler. Der Fotograf muss nichts
erfinden, er muss nur genau genug
hinsehen. Drittens Albert Renger Patsch,
Sein Buch erscheint im selben Jahr, 1928,
und sein Titel ist Programm »Die Welt ist
schön«. Rengapatsch selbst wollte es
lieber schlicht »die Dinge« nennen, was
den eigentlichen Kern besser trifft. Er
fotografiert Fabriken, Fachwerk,
Schlangen, Schuhmacherleisten immer mit
derselben kühlen, exakten Sachlichkeit.
Sein Credo »Jedes Ding hat seine eigene
Schönheit«. und die Kamera ist das einzige
Instrument, das sie ohne Vermenschlichung
zeigen kann. Das neue Sehen und die
Erfindung des Bildjournalismus. Parallel
dazu läuft die experimentellere Bewegung,
das neue Sehen, eng verknüpft mit dem
Bauhaus. Sein Theoretiker ist Laszlo
Moholy-Nagy, der 1925 das Buch
Malerei-Fotografie-Film veröffentlicht,
Moholy-Nagys. Gedanke, die Kamera ist
nicht das Sklavenauge des Menschen, sie
ist ein eigenes Sehorgan. Sie kann
Perspektiven zeigen, die kein Mensch je
gesehen hat. Den Blick von oben auf den
Platz, von unten an der Fassade entlang,
das Vergrößerte, das Durchleuchtete.
Fotografieren heißt für ihn, das Sehen
selbst neu erfinden. Ihm wird der Satz
zugeschrieben, die Analphabeten der
Zukunft würden nicht die sein, die nicht
lesen können, sondern die, die nicht
fotografieren können. Übrigens, auch
Moholy-Nagy hat eine experimentelle,
geradezu spielerische Seite. Fotogramme,
Verzerrungen, Negative. Diese andere,
antirealistische Avantgarde bekommt in
unserer Serie ihre eigene Folge. Heute
bleiben wir bei der Linie der
Wirklichkeitstreue. Aus dem neuen Sehen
erwächst eine Praxis, die unsere Gegenwart
bis heute prägt, der moderne
Bildjournalismus. Denn zur selben Zeit
explodiert die illustrierten Presse,
Berliner Illustrierte Zeitung, Münchner
Illustrierte Presse, in Frankreich WU.
Millionenauflagen, Fotoreportagen,
Bildfolgen statt Einzelbilder. Und die
Technik spielt mit, Kleinere,
lichtstärkere Kameras machen möglich, was
vorher undenkbar war. Der spektakulärste
Fall, Erich Salomon, ein Berliner Jurist,
der mit über 40 zur Fotografie kommt. Er
kauft sich eine Hermannox, eine
vergleichsweise kleine Kamera mit einem
lichtstarken Objektiv, die Aufnahmen bei
Kerzenlicht und Saalbeleuchtung erlaubt
und schmuggelt sie in Säle, in denen
Fotografieren verboten ist, in
Gerichtssäle, in Diplomatenkonferenzen,
einmal versteckt im Zylinderhut in einen
Mordprozess. Seine Bilder zeigen die
Mächtigen ungestellt, gähnende Minister,
schlafende Abgeordnete, vertrauliche
Gesten bei Nachtsitzungen. 1931 erscheint
sein Buch, berühmte Zeitgenossen in
unbewachten Augenblicken. Der französische
Außenminister Aristide Briand soll gesagt
haben, was ist schon eine internationale
Konferenz, wenn Salomon nicht dabei ist.
Analytisch ist Salomon für unsere Frage
zentral. Er erfindet einen dritten
Realismustypus dieser Folge. Nicht das
Malereikostüm der Piktorialisten, nicht
das typologische Archiv Sanders, sondern
den unbeobachteten Moment als
Wahrheitsgarant. Das Foto als Indiz. So
sah es wirklich aus, wenn niemand hinsah.
Merken Sie sich diesen Gedanken, er wird
am Ende der Folge beim Krieg auf grausame
Weise wiederkehren. Salomon, der Jude war,
floh 1932 in die Niederlande. Dorthin
kommen wir noch. 1929 bündelt sich all das
in einem einzigen Ereignis, die
Ausstellung Film und Foto des Deutschen
Werkbunds in Stuttgart. Rund 1200 Exponate
von etwa 200 Fotografinnen und Fotografen
aus aller Welt. Sander, Renga Patsch,
Blossfeld, Moholy-Nagy, dazu Amerikaner
und Sowjets, Reportagen neben
Röntgenbildern, Polizeifotos neben Kunst.
Diese Schau ist der Gipfel und das
Manifest der europäischen Fotografie der
20er Jahre. Sie erklärt die Fotografie
endgültig zum prägenden Medium der
Moderne. Die theoretische Vertiefung, drei
Denker, drei Verdachtsmomente. Und jetzt
der intellektuelle Kern dieses Kapitels.
Denn zeitgleich entsteht auch die
scharfsinnigste Kritik genau dieses
Realismus. Und sie trifft bis heute. 1927
veröffentlicht der Fölitonist Siegfried
Krakauer in der Frankfurter Zeitung seinen
Aufsatz »Die Fotografie«. Sein Verdacht
Die Fotografie häuft die Oberfläche der
Welt an und begräbt deren Bedeutung unter
sich. Das Foto zeigt alles und gerade
deshalb vielleicht nichts. Das gedruckte
Abbild einer Welt, schreibt er, sei wie
eine Riesenflut, die das Bewusstsein der
Menschen überschwemmt. 1931 antwortet
indirekt Walter Benjamin mit seiner
kleinen Geschichte der Fotografie und
prägt einen Gegenbegriff, der berühmt
werden sollte, das optische Unbewusste.
Die Kamera sieht, was dem Auge verborgen
bleibt, den Schritt im Gehen, die Struktur
des Grashalms. Fotografie ist also nicht
Kopie der Welt, sondern deren
Entzifferung. Sie erweitert unser Sehen,
wie die Psychoanalyse unser Wissen vom
Unbewussten erweitert. Die schärfste
Attacke aber kommt von Bertolt Brecht. Im
Drei-Groschen-Roman 1934 notiert er
sinngemäß, Eine Fotografie der Krupp-Werke
oder der AEG ergibt beinahe nichts über
diese Institute. Die eigentliche Realität,
die Ausbeutung, die Machtverhältnisse sei
in das Funktionale gerutscht und das
Funktionale könne man nicht fotografieren.
Halten wir das fest, denn diese drei
Positionen spannen den ganzen Rest der
Serie auf. Krakauers Skepsis, Realismus
als Oberflächenherrschaft. Benjamins
Hoffnung, Realismus als
Erkenntnisinstrument. Brechts Einwand,
Realismus als Verhüllung der Verhältnisse.
Jeder Fotograf, der uns noch begegnet,
bewegt sich in diesem Dreieck. Was wir
bisher gesehen haben, ist ein Realismus
der Kühle. Sander, Blossfeld, Renger,
Patsch betrachten die Welt wie eine
Sammlung von Präparaten, exakt,
distanziert, typologisch. Die Sache steht
im Zentrum, der Mensch mit seiner
Subjektivität tritt dahinter zurück. Zur
selben Zeit, auf der anderen Seite des
Atlantiks, läuft ein erstaunlich
paralleler Kampf, aber unter umgekehrten
Vorzeichen. Auch dort will man die
Fotografie von der Malerei emanzipieren,
doch das Ergebnis ist kein kühler Blick,
sondern etwas fast Leidenschaftliches, ein
Realismus, der die Dinge nicht
katalogisiert, sondern verehrt. Und seine
größten Namen sind Edward Weston und eine
Frau, die lange nur als seine Begleitung
galt und heute als eigenständige Meisterin
gilt, Tina Modotti. USA und Mexiko.
Straight Photography, Stieglitz, Strand,
Weston, Modotti und die Gruppe F64. Die
amerikanische Antwort auf den
Piktorialismus heißt Straight Photography,
geradlinige, unmanipulierte Fotografie.
Ihr Grundsatz? Die Fotografie muss sich zu
ihrem eigenen Wesen bekennen, zur Schärfe,
zum Schnitt, zur ganzen Skala der
Grautöne. Kein Gummidruck, kein Pinsel,
keine Verkleidung. Drei Stationen bauen
dieses Programm, Paul Strand, Edward
Weston und die Gruppe F64. Und dazwischen,
in Mexiko, entsteht das vielleicht
schönste Kapitel dieser ganzen Geschichte,
das einer Frau, die aus der Formalhärte
eine politische Waffe schmiedete. Der
Durchbruch Paul Strand und
Stieglitz-Wolken. Wir hatten das letzte
Camera Work Heft von 1917 erwähnt, das
ganz Paul Strand gehörte. Strand, damals
Mitte 20, macht in diesen Jahren die
konsequentesten Bilder des frühen
amerikanischen Realismus. Abstrakte
Schattenmuster auf einer Veranda,
Maschinenteile und die Blind Woman von
1916, eine blinde Zeitungsverkäuferin in
New York frontal fotografiert, ein Schild
mit der Aufschrift blind um den Hals,
Knallhart, ohne jeden piktorialistischen
Schleier und doch von einer Würde, die
kein Mitleid braucht. Strand formuliert
das neue Credo. Die Fotografie muss ihre
eigenen Mittel absolut achten und die
Dinge so darstellen, wie sie sind. Ohne
Tricks, ohne Prozesse, ohne Anleihen bei
anderen Künsten. Und Stieglitz selbst
treibt das Programm in den 20er Jahren
noch in eine verblüffende Richtung weiter.
Seine Äquivalenz beginnend 1922.
Wolkenbilder, nichts als Wolken, Himmel,
manchmal ein Stück Baumwipfel. Stieglitz
behauptet, diese vollkommen realistischen
Himmelsfotografien seien Äquivalente
seiner innersten Gefühle. Reine Musik in
Graustufen. Das ist eine denkwürdige
Wendung. Die Schärfe des Mediums wird hier
nicht benutzt, um die Welt zu
dokumentieren, sondern um Seelenzustände
abzubilden. Realismus als Träger von
Innerlichkeit. Es ist der Samen, den
Edward Weston aufgreifen wird. Edward
Weston, die Quintessenz der Dinge, Edward
Weston, 1886 in Illinois geboren, beginnt,
man ahnt es nach Kapitel 1, als
Piktorialist. Weiche Porträts,
künstlerische Trübungen, Preise auf
Salonausstellungen, ein gutgehendes
Atelier in Kalifornien. Der Bruch kommt
1922 und er hat eine Adresse, das Armco
Stahlwerk in Middletown, Ohio. Weston
besucht dort seine Schwester, sieht die
riesigen Schornsteine und fotografiert sie
als das, was sie sind, schwarze,
scharfkantige Industriearchitektur, keine
Atmosphäre, keine Romantik. Im selben Jahr
reist er nach New York, trifft Stieglitz
und Strand und erkennt, wo er hingehört.
Die Armco-Bilder werden sein Talisman.
Jahre später hängen sie in seinem
mexikanischen Studio neben einem
Picasso-Blatt. Denn Mexiko ist die nächste
Station. 1923 zieht Weston mit Tina
Modotti nach Mexiko statt, von ihr gleich
mehr, mitten in den Wirbel der
postrevolutionären Avantgarde, in den
Kreis um Diego Rivera, Orozco und
Siqueiros. Dort entsteht 1925 ein Bild,
das beweist, wie radikal sein Blick
geworden ist. Excusado. Eine Toilette.
Eine gekachelte mexikanische Toilette,
fotografiert mit der Hingabe, die andere
einer Madonna gewidmet hätten. Weston
entdeckt, wenn die Kamera gnadenlos genau
hinsieht, wird jedes Ding, wirklich jedes,
zum Formereignis. Zurück in Kalifornien
entsteht ab 1927 in wenigen Jahren das
Werk, das den Fotorealismus auf seinen
Gipfel führt. Die Muscheln, Nautilus,
1927, Eine einzige Schale vor schwarzem
Grund, spiralförmig leuchtend wie eine
mathematische Gleichung. Dann, 1930, die
Paprikaserie. Weston legt die Schoten in
einen Zinntrichter, damit sie im weichen
Licht stehen bleiben. Und in Pepper Nummer
30 wird das Gemüse plötzlich mehr als
Gemüse. Ein Torso, eine Umarmung, eine
Skulptur aus polierter Bronze. dann die
Dünen von Oceano, gewällte Sandkämme, die
unter seiner Kamera zu Bergketten oder zu
Hüften werden, und 1936 die Akte mit
seiner geliebten und späteren Frau, Charis
Wilson, nackt in eben diesen Dünen, Körper
und Landschaft werden ununterscheidbar,
beide nur noch Geografie des Lichts. Was
macht Weston hier eigentlich? Er selbst
hat die präziseste Formulierung gefunden,
die man zu unserem Thema überhaupt finden
kann. Ich zitiere, die Kamera sollte
benutzt werden, um das Leben
aufzuzeichnen, um die eigentliche Substanz
und Quintessenz des Dinges selbst
wiederzugeben, sei es polierter Stahl oder
pulsierendes Fleisch. Quintessenz des
Dinges selbst. Westons Realismus ist also
kein Dokumentarismus. Er will nicht
zeigen, wie etwas aussieht, sondern was es
ist. Die Schärfe des Objektivs ist für ihn
ein metaphysisches Instrument. Sie schält
die Erscheinung ab, bis die Essenz
freiliegt. Man könnte sagen, Sander zeigt
die Welt als Archiv, Weston als
Offenbarung. Tina Modotti, vom Modell zur
Meisterin, Und nun die Frau, die in diesem
Kapitel jahrzehntelang nur als Fußnote
vorkam, als Westons Modell, Westons
Geliebte, Westons Schülerin, Tina Modotti,
geboren 1896 in Udine, wandert als
Jugendliche nach San Francisco aus,
arbeitet als Näherin und Schauspielerin,
lernt Weston um 1920 kennen und wird, das
muss man so klar sagen, sehr schnell viel
mehr als eine Muse. In Mexiko führt sie
das gemeinsame Porträtstudio, sie macht
die Geschäfte, sie organisiert und sie
fotografiert. Weston lehrt sie die
Technik, aber was sie damit macht, gehört
ganz ihr. Ihre frühen Bilder zeigen noch
die formale Schule, die Rosen von 1924,
Blütenkelche, die vor dunklem Grund
glühen, die Telephone Wires von 1925,
Telefonleitungen als reine
Himmelsgeometrie. Aber dann, ab 1926,
beginnt etwas, das es in der Straight
Photography bis dahin nicht gab. Modotti
verbindet die formale Strenge mit
politischem Inhalt. Das Schlüsselbild
heißt Workers' Parade, 1926, aufgenommen
während einer Mai-Kundgebung von oben. Man
sieht keine Gesichter, nur ein dichtes
Meer von Strohhüten, das den ganzen
Bildraum füllt, ohne Horizont, ohne
Ausweg. Die Masse wird zur einzigen Figur.
Das MoMA nennt dieses Bild heute den
klassischen Fall dessen, was Modotti immer
wieder gelang, eine saubere modernistische
Ästhetik mit ihren politischen
Überzeugungen zu verschmelzen. 1927 tritt
sie der kommunistischen Partei Mexikos bei
und fotografiert jetzt bewusst als
Revolutionärin. Bandolier, Korn, Sickle,
1927, Patronengurt, Maiskolben, Sichel,
drei Dinge, arrangiert wie ein
Western-Stillleben, aber aufgeladen als
Programm. die mexikanische Revolution in
einer einzigen knappen Gleichung, dazu
Mexican Sombrero with Hammer and Sickle,
Hut, Hammer und Sichel als Symbolbild. Sie
fotografiert für die kommunistische
Zeitung El Machete, Bauern, Arbeiter,
Demonstrationen, Bilder, die zu den
frühesten Beispielen kritischen
Fotojournalismus in Mexiko zählen. Im
Dezember 1929 eröffnet ihre
Einzelausstellung in der
Nationalbibliothek von Mexikostadt,
angekündigt als die erste revolutionäre
Fotoausstellung Mexikos. Denken Sie daran,
1929, ein Jahr nach »Die Welt ist schön«.
Während Renga Patsch die Dinge um ihrer
selbst Willen feiert, macht Modotti die
Dinge zu Kampfbegriffen. Zwei Antworten
auf dieselbe Frage, wem gehört der
Realismus? Dann bricht ihr Leben. Im
Januar 1929 wird ihr Gefährte, der
kubanische Revolutionär Julio Antonio
Mella, auf offener Straße erschossen, an
seiner Seite. Modotti wird von der Presse
und der Polizei durch den Schmutz gezogen,
der Mord ihr angehängt, bis ein Gericht
sie freispricht. 1930, nach einem Attentat
auf den mexikanischen Präsidenten Ortiz
Rubio, wird sie verhaftet und des Landes
verwiesen. Über Berlin gelangt sie nach
Moskau und dort geschieht etwas, das die
Kunstgeschichte bis heute beschäftigt.
Tina Modotti hört auf zu fotografieren.
Sie stellt die Kamera in den Schrank und
widmet sich ganz der politischen Arbeit
der Internationalen Roten Hilfe. Im
Spanischen Bürgerkrieg arbeitet sie in der
Republikanischen Sanitätshilfe. 1939 kehrt
sie unter falschem Namen nach Mexiko
zurück. Am 5. Januar 1942 stirbt sie, 45
Jahre alt, im Taxi auf dem Weg nach Hause.
Herzversagen hieß es offiziell, die
Gerüchte wollten es dramatischer. Ihr
fotografisches Werk umfasst kaum mehr als
einige hundert Negative, fast alle aus nur
sieben Jahren. Warum ist Modotti für
unsere Frage so wichtig? Weil sie das
fehlende Glied ist. In ihrer Person
schließt sich der Kreis von der Form zur
Politik, von Westen zu den
Sozialdokumentaristen, die uns gleich
beschäftigen werden. Ihr Realismus ist
weder Archiv noch Offenbarung. Er ist
Waffe. Und ihre Entscheidung, die Kamera
schließlich ganz wegzulegen, wirft die
düsterste Frage dieser Folge auf. Was,
wenn die Wirklichkeit so drängt, dass das
Bild nicht mehr genügt? Die Gruppe F64,
ein Manifest der Schärfe. Zurück nach
Kalifornien, wo Westons Haltung 1932 zur
Bewegung wird. Im November 1932 schließen
sich in San Francisco elf Fotografinnen
und Fotografen zusammen, unter ihnen
Weston, Ansel Adams, Imogen Cunningham,
Willard Van Dyke, Sonja Noskowiak und
Westons Sohn Brett. Sie nennen sich Gruppe
F64 nach der kleinsten Blendenöffnung der
Großformatkamera. Blende 64 bedeutet
maximale Schärfentiefe. Alles im Bild ist
scharf, vom Grashalm vor der Linse bis zum
Horizont. Der Name ist ein technisches
Detail und zugleich ein
Glaubensbekenntnis. Am 15. November 1932
eröffnet ihre erste Ausstellung im MH The
Young Memorial Museum in San Francisco.
Das Manifest, verfasst von Willard Van
Dyck, definiert die reine Fotografie, pure
Photography, als eine Fotografie, die
keinerlei technische, kompositorische oder
ideelle Eigenschaften besitzt, die von
irgendeiner anderen Kunstform abgeleitet
sind. Übersetzt, keine Malerei, Imitate,
keine Retusche, keine Weichzeichner.
Stattdessen Kontaktkopien auf Glanzpapier,
das volle Tonwertspektrum, die Schärfe als
Tugend. Die Gruppe löst sich zwar schon
Mitte der 30er Jahre wieder auf, aber ihr
Programm ist zu diesem Zeitpunkt längst
Kanon. 1937 erhält Weston als erster
Fotograf überhaupt ein
Guggenheim-Stipendium. Die offizielle
Adelung der Fotografie als eigenständige
Kunst, drei Jahrzehnte nachdem Buffalo den
Scheintriumph des Malereikostüms gefeiert
hatte, Analytisch betrachtet ist die
F64-Idee faszinierend zwiespältig. Und das
sollten wir festhalten. Einerseits ist sie
der konsequenteste Realismus, den man sich
denken kann. Die Gruppe verzichtet
freiwillig auf jedes manipulative Mittel
und überlässt sich der Dokumentationskraft
des Apparats. Andererseits erzeugt gerade
diese Askese eine hochgradig künstliche
Bildwelt. Westons Paprika sieht eben nicht
aus wie eine Paprika, sondern wie eine
Skulptur. Adams Felswände glühen in einem
Schwarz-Weiß, das kein Auge je gesehen
hat. Die radikalste Treue zum Medium führt
zu einer Welt, die realer wirkt als die
Realität. Der Fotorealismus der Gruppe F64
ist also kein Abbildrealismus. Er ist ein
Essenzrealismus und die Essenz ist immer
eine Konstruktion. Vielleicht fragen Sie
sich jetzt, und damit wären Sie in bester
Gesellschaft, das ist ja alles sehr schön,
diese Paprikas und Muscheln und Dünen,
aber die 30er Jahre, Weltwirtschaftskrise,
Massenarbeitslosigkeit, Faschismus, Krieg,
genau so dachte Henri Cartier-Bresson. Der
französische Fotograf kommentierte das
Treiben an der amerikanischen Westküste
mit einem Satz, der in die Fotogeschichte
eingegangen ist. Ich zitiere, die Welt
geht in Stücke und Leute wie Adams und
Weston fotografieren Steine. Ein unfairer
Satz. Ansel Adams hat geantwortet, er
glaube nach wie vor, dass in einem Stein
eine wirkliche soziale Bedeutung liege.
Aber Cartier-Bressons Spott markiert einen
realen Bruch. In den 30er und 40er Jahren
stellt sich die Frage nach dem Realismus
neu. Nicht mehr nur, wie sehen die Dinge
aus, sondern wem nützt das Bild? Was kann
ein Foto in der Welt bewirken? Und diese
Frage, das werden wir jetzt sehen, ist
älter als man denkt. 1908 bis 1950.
Reform, Dokument, Krieg und Humanismus.
Der Realismus geht in die Welt. Wenn wir
von politischer Fotografie sprechen,
denken wir sofort an die 30er Jahre, an
die Weltwirtschaftskrise. Aber die
Geschichte beginnt früher, mit einem
Soziologen, der die Kamera als
Beweismittel entdeckte, noch bevor
Stieglitz-Piktorialisten ihren
Scheintriumph in Buffalo feierten. Lewis
Hine, die Erfindung der Reformfotografie,
Lewis Hine, 1874 in Wisconsin geboren, ist
Lehrer und Soziologe, kein Künstler, und
genau das macht ihn für unsere Frage so
interessant. Ab 1904 fotografiert er auf
Ellis Island die Ankunft der Einwanderer.
Müde Familien, Mütter mit Kindern,
Menschen zwischen zwei Welten, Bilder, die
bewusst gegen die Fremdenfeindlichkeit der
Zeit anschreiben. 1908 geht er für das
National Child Labour Committee auf Reisen
durch die Industriegebiete Amerikas. Sein
Auftrag, Kinderarbeit dokumentieren.
Zehnjährige in den Kohlegruben von
Pennsylvania, Mädchen an den
Spinnmaschinen der Baumwollfabriken in
Carolina, Zeitungsjungen um Mitternacht,
Hine schmuggelt sich in die Fabriken,
verkleidet als Feuerversicherer oder
Bibelverkäufer, misst die Größe der Kinder
an den Knöpfen seiner Weste, wenn er keine
Fragen stellen darf. Das Entscheidende ist
die Methode. Hine versteht das Foto nicht
als Bild, sondern als Beleg, als
juristisch verwertbares Dokument mit
Datum, Ort und Namen. Seine Collagen aus
Foto und Statistik werden in
Kongressanhörungen gezeigt, auf
Flugblättern gedruckt, in Zeitschriften
verbreitet. Und sie wirken, die
amerikanischen Kinderarbeitsschutzgesetze
der folgenden Jahrzehnte wären ohne Heinz
Bilder kaum denkbar. Er selbst hat es in
einem Satz zusammengefasst, der zum
Gründungsdokument des sozialen Realismus
geworden ist. Ich zitiere, es gab zwei
Dinge, die ich zeigen wollte, was geändert
werden musste und was gewürdigt werden
musste. Spät noch, 1930 und 1931
fotografiert Heine die Arbeiter beim Bau
des Empire State Building. Männer auf
Stahlträgern, 300 Meter über der Stadt,
ohne Sicherung. Er hängt sich selbst in
einem Korb aus dem Gebäude, um den
richtigen Blickwinkel zu bekommen, mit
fast 60 Jahren. Auch das gehört zu ihm.
Der soziale Realismus ist bei Hinen nie
Kumpanei mit dem Elend. Er ist Bewunderung
der Arbeit. Lewis Hine stirbt 1940,
verarmt und vergessen. Aber er hat die
Grammatik erfunden, in der die 30er Jahre
dann sprechen werden. Das Foto als
soziales Argument. Der dokumentarische
Realismus FSA, Lange und Evans. Die
30er-Jahre setzen genau an dieser
Grammatik an, nur jetzt im Auftrag des
Staates. Die Weltwirtschaftskrise verarmt
Millionen. In Amerika verlassen Farmer die
versteppten Böden des Dust Bowl und ziehen
nach Westen. Die Farm Security
Administration, eine US-Behörde, schickt
ab 1935 Fotografinnen und Fotografen ins
Land. Die Bilder sollen belegen, was die
Not bedeutet und für die Hilfsprogramme
werben. Es entsteht das größte
dokumentarische Projekt der
Fotogeschichte. Das berühmteste Bild
dieses Projekts, Migrant Mother von
Dorothea Lange, März 1936 in einer
Erbsenpflückersiedlung bei Nipomo,
Kalifornien. Eine 32-jährige Mutter,
Florence Owens Thompson, umringt von ihren
Kindern, die Blicke der Kinder abgewandt,
ihre Hand am Gesicht. Ein Bild von Würde
in der Erschöpfung, das Binnentagen in den
Zeitungen kursiert und die Regierung zum
Handeln bewegt. Man muss genau hinschauen,
was hier realistisch ist. Lange hat die
Szene durchaus gestaltet. Sie näherte sich
der Familie in mehreren Aufnahmen,
arrangierte, wählte aus. Ihr Realismus ist
keine Beobachtung, sondern eine
Komposition mit moralischer Absicht und
gerade deshalb so wirksam. Das ist die
Pointe des Dokumentarismus. Er behauptet
die Unmittelbarkeit, die er heimlich
herstellt. Ihr Kollege Walker Evans geht
den kühleren, strengeren Weg. Evans
fotografiert die verarmten Pächterfamilien
Alabamas, Ladenfronten, Werbeschilder,
Schlafzimmer, frontal, ohne Pathos, mit
einer architektonischen Würde, die an
Sander erinnert. 1938 widmet ihm das
Museum of Modern Art in New York die erste
Einzelausstellung, die das Haus je einem
Fotografen gegeben hat. Der Katalog
American Photographs wird zum Grundgesetz
des dokumentarischen Stils und 1936
erscheint das erste Heft des Magazins
live, auf dem Titel Ein Foto von Margaret
Bourke White, der Fort Peck Staudamm in
Montana, gigantisch, scharf, stolz. Der
Bildjournalismus in Berlin erfunden wird
in Amerika zur Masseninstitution. Halten
wir fest, von Hine bis Evans lernen wir,
dass der sozial engagierte Realismus eine
Konstruktion ist, mit Regie, Auswahl,
Ausschnitt und jetzt sogar mit
Auftraggeber. Brechts Kruppeinwand schwebt
über all diesen Bildern. Sie zeigen die
Armut, aber erklären sie nicht. Sie zeigen
die Symptome. Die Verhältnisse bleiben
unsichtbar. Das wird die Krux des
Dokumentarismus bleiben. Der Krieg, das
Foto als Augenzeuge und der Preis. Dann
der Krieg und mit ihm die düsterste
Prüfung, die der fotografische Realismus
je bestanden hat. Erinnern Sie sich an
Erich Salomon, den Erfinder des
unbewachten Augenblicks? Er hatte sich
1932 in die Niederlande gerettet. 1940
besetzte die Wehrmacht auch dieses Land.
Salomon tauchte mit seiner Frau und seinem
jüngeren Sohn unter. 1943 wurde die
Familie verraten und verhaftet. Erich
Salomon, seine Frau Maggi und Sohn Dirk
wurden am 7. Juli 1944 in Auschwitz
ermordet. Im selben Jahr zerstörte eine
Bombe Anton Josef Trzickas Wiener Atelier
samt seinem fotografischen Nachlass.
August Sanders, Antlitz der Zeit, war
längst beschlagnahmt. Die europäische
Szene, die wir in Kapitel 2 besucht haben,
existierte 1945 nicht mehr, ermordet,
verbrannt, vertrieben. Wer überlebte, saß
in New York oder Los Angeles. Das Zentrum
der Fotografie wanderte endgültig über den
Atlantik. Die amerikanische
Kriegsfotografie hingegen wird zur
Staatsaufgabe und zur großen Inszenierung.
Der Mann, der sie organisiert, ist ein
alter Bekannter. Edward Steichen, der
Piktorialist vom Mondlichtweiher,
inzwischen über 60, führt eine marine
Fotoeinheit und kuratiert 1942 im MoMA die
Ausstellung »Road to Victory«, 190
Fotografien, auf Wandgröße vergrößert,
Texte von Carl Sandburg, eine Prozession
durch das kriegführende Amerika. Kritiker
waren überwältigt. Das MoMA selbst nennt
die Schau heute unumwunden
propagandistisch. Das dokumentarische
Foto, fünf Jahre zuvor noch Werkzeug
sozialer Kritik, wird zum Instrument
nationaler Mobilmachung. Auch das gehört
zur Wahrheit des Realismus. Derselbes Stil
kann die Not anklagen oder den Krieg
befeuern, die Schärfe entscheidet nicht,
wer sie einsetzt. Und dann gibt es die
andere Sorte Kriegsfoto, das Verwackelte.
Am 6. Juni 1944 landet Robert Capa,
geboren als Endre Friedmann in Budapest,
geflohen vor den Nazis, mit der ersten
Welle am Omaha Beach in der Normandie. Er
fotografiert aus dem Wasser zwischen den
Toten über 100 Bilder. Zurück in England
bleibt davon nur eine Handvoll übrig. Die
überlieferte Zahl ist elf. Der Legende
nach hat ein Laborassistent in London die
Filme beim Trocknen beschädigt. Jüngere
Recherchen zweifeln daran. Die
überlebenden Bilder sind unscharf, körnig,
schief und genau deshalb die
glaubwürdigsten Bilder des Krieges. Hier
kehrt Salomons dritter Realismustypus auf
extreme Weise zurück. Der unbeobachtete,
unkontrollierte Moment als
Wahrheitsgarant. 50 Jahre später wird
Steven Spielberg sagen, jede Einstellung
der Landungsszenen, in der Soldat James
Ryan sei von Kappas verwackelten Frames
inspiriert gewesen. Die Unschärfe, die der
Piktorialismus als Kunst verkauft hatte,
wird jetzt zum Beweis von Echtheit. Die
Geschichte schreibt manchmal sehr bittere
Ironien. Nach dem Krieg Magnum und die
neue Weltpflicht des Blicks. 1947, zwei
Jahre nach Kriegsende, gründen vier
Fotografen in New York eine Agentur, die
den Realismus der Nachkriegszeit
definieren sollte. Magnum Fotos. Die vier,
Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, der
Steinespötter, David Seymour, genannt Chim
und George Roger. Ihr Prinzip ist neu. Die
Fotografen bleiben Eigentümer ihrer
Negative. Sie bestimmen ihre Themen
selbst. Der Realismus emanzipiert sich vom
Auftraggeber. Es ist die konsequente
Antwort auf die FSA-Lektion. Wer das Bild
kontrollieren will, muss die Bilder
kontrollieren. Cartier-Bresson wird zum
Theoretiker dieser Epoche. 1948
fotografiert er in Indien Mahatma Gandhi,
wenige Stunden vor dessen Ermordung und
1948 Den Zusammenbruch des
nationalistischen China. Sein Prinzip, das
er 1952 in einem Buch formulieren wird,
der entscheidende Augenblick, der
Bruchteil der Sekunde, in dem sich Form
und Bedeutung decken. Nicht die Sache
steht im Zentrum wie bei Sander, nicht das
Wesen wie bei Weston, nicht das Argument
wie bei Lange, sondern die Zeit selbst.
Auch das ist Fotorealismus. Die
Behauptung, die Wirklichkeit habe eine
exakte, unwiederholbare Gestalt und nur
die Kamera könne sie festhalten. Bevor wir
Bilanz ziehen, noch ein Blick zurück auf
den Mondlichtweier vom Anfang. Denn in
diesen 50 Jahren hat die Fotografie nicht
nur ihre Methoden gewechselt, sie hat ihre
Seele verhandelt. Resümee, Ziehen wir die
Bilanz unserer 50 Jahre in vier Thesen.
Erstens, um 1900 galt die Fotografie nur
dann als Kunst, wenn sie ihre eigene Natur
verleugnete. Weichgezeichnet,
handbearbeitet, verkleidet als Malerei.
Der Piktorialismus hat der Fotografie die
Museumstür geöffnet, aber um den Preis der
Selbstverleugnung. Und schon damals gab es
die stillen Alternativen. Atget, der das
alte Paris einfach dokumentierte, ohne
Künstler sein zu wollen, und Tritschka,
dessen expressives Porträt Wien einen Weg
zeigte, den die Geschichte nicht ging,
bevor ihn eine Bombe ausradierte.
Zweitens, das Europa der 20er Jahre erfand
den Realismus als Programm, als Inventur
der Welt bei Sander, Blossfeld und Renga
Patsch, als Erweiterung des Sehens bei
Moholy-Nagy, als unbewachten Moment bei
Salomon. Und die klügsten Köpfe der Zeit,
Krakauer, Benjamin, Brecht, stellten
sofort die Fragen, die bis heute gelten.
Zeigt das Foto die Welt, nur ihre
Oberfläche oder verdeckt es gar die
Verhältnisse? Drittens, Die amerikanische
Straight Photography, Strand, Weston, die
Gruppe F64, trieb den Realismus zur
Essenz. Maximale Schärfe als
metaphysisches Instrument. Der Preis, die
Bilder wurden schöner und künstlicher, als
ihr Wirklichkeitsanspruch verriet. Und
Tina Modotti bewies im selben Atemzug,
dass dieselbe formale Strenge auch eine
politische Waffe sein kann. Workers'
Parade ist die Verschmelzung von Westen
und Revolution. Viertens, der soziale
Realismus ist älter als sein Ruf. Lewis
Hine machte das Foto schon um 1908 zum
Beweismittel gegen die Kinderarbeit.
Zwischen 1935 und 1950 wurde er dann
staatlich, kriegerisch und schließlich
selbstbestimmt. Von Langes »Migrant
Mother« über Steichens »Propagandaschau«,
»Road to Victory« und Capers verwackelte
Wahrheit am Omaha Beach bis zur Gründung
von Magnum 1947. Die Lektion? Es gibt
keinen neutralen Realismus. Jedes scharfe
Bild ist eine Entscheidung und die Frage
ist immer, wer sie trifft. Ausblick Und
damit sind wir am Ende unserer ersten
Folge, aber am Anfang der neuen Serie in
diesem Podcast. Denn die ganze Zeit,
während Sander die Welt inventarisierte
und Weston ihre Essenz suchte, gab es eine
zweite, verschlungene Linie. Fotografinnen
und Fotografen, die das realistische
Medium zum Träumen brachten. In der
nächsten Folge erzählen wir ihre
Geschichte. Die Fotomontagen von Hanna
Höch und John Hartfield, Man Rays
Reographien und Solarisationen, Claude
Cahuns rätselhafte Selbstporträts, Die
Fotogramme des Bauhauses und die Frauen,
die diese Avantgarde zu einem Gutteil
getragen haben. Florence Henry, Dora Maar,
Berenice Abbott und Leigh Miller, die vom
Mannequin zur Surrealistin zur
Kriegsreporterin wurde. Die Avantgarde,
wenn die Kamera lügt, Folge 2 dieser
Serie. Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben,
sich die Bilder anzusehen, über die wir
gesprochen haben – Steichens
Mondlichtweiher, Adkets leere Pariser
Straßen, Tirtschkas Klimtporträts,
Modotti's Workers' Parade, Weston's Pepper
Nummer 30, Heinz' Spinnerin, Kappas Omaha
Beach – alle Werke finden Sie verlinkt in
den Shownotes. Und eine Frage hätte ich an
Sie. Welches historische Foto hat Ihre
Vorstellung davon, was realistisch heißt,
am nachhaltigsten verändert? Schreiben Sie
es in die Kommentare. Die interessantesten
Antworten greife ich in einer der nächsten
Folgen auf. Wenn Ihnen diese Folge etwas
gegeben hat, abonnieren Sie GFA
Kulturwelten jetzt in Ihrer Podcast-App,
dann verpassen Sie keine der kommenden
Folgen dieser Serie. Ich danke Ihnen fürs
Zuhören. Bleiben Sie neugierig, sehen Sie
genau hin, denn die Welt ist, da hatte
Renga Patsch vermutlich recht, schön, aber
sie ist, da hatten Krakauer und Brecht
recht, auch mehr als ihre Oberfläche. Das
war Fotorealismus in der Kunst. Von der
Malereifalle zur scharfen Wirklichkeit.
Folge 1. Mein Name ist Brigitte. Bis zur
nächsten Folge, wenn die Kamera lügen
lernt.
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