GfA Kulturwelten: Tango Argentino - Folge - 3
Das goldene Zeitalter (1935 - 1955)
27.02.2026 22 min
Zusammenfassung & Show Notes
In der dritten Folge unserer Tango-Reihe tauchen wir ein in das Goldene Zeitalter des argentinischen Tangos zwischen 1935 und 1955. Diese Epoche markiert den Höhepunkt der Tango-Kultur in Buenos Aires: große Orchester füllten die Milongas, legendäre Musiker schufen zeitlose Aufnahmen, und der Tango wurde zum kulturellen Herzschlag Argentiniens. Wir lernen die vier großen Stilrichtungen kennen, den energiegeladenen Rhythmus von Juan D'Arienzo, die elegante Melodik von Carlos Di Sarli, die dramatische Intensität von Osvaldo Pugliese und die herzliche Wärme von Aníbal Troilo. Dabei beleuchten wir auch die politische Dimension unter der Perón-Regierung und die soziale Bedeutung der Milongas als urbane Rituale. Die Folge endet mit einem Ausblick auf den Niedergang nach 1955 und bereitet vor auf die Transformation des Tangos, die wir in Folge 4 erkunden werden.
GfA Kulturwelten: Tango Argentino – Folge 3
Das Goldene Zeitalter (1935–1955)
Das Goldene Zeitalter (1935–1955)
Zusammenfassung
In der dritten Folge unserer Tango-Reihe tauchen wir ein in das Goldene Zeitalter des argentinischen Tangos zwischen 1935 und 1955. Diese Epoche markiert den Höhepunkt der Tango-Kultur in Buenos Aires: große Orchester füllten die Milongas, legendäre Musiker schufen zeitlose Aufnahmen, und der Tango wurde zum kulturellen Herzschlag Argentiniens. Wir lernen die vier großen Stilrichtungen kennen – den energiegeladenen Rhythmus von Juan D'Arienzo, die elegante Melodik von Carlos Di Sarli, die dramatische Intensität von Osvaldo Pugliese und die herzliche Wärme von Aníbal Troilo. Dabei beleuchten wir auch die politische Dimension unter der Perón-Regierung und die soziale Bedeutung der Milongas als urbane Rituale. Die Folge endet mit einem Ausblick auf den Niedergang nach 1955 und bereitet vor auf die Transformation des Tangos, die wir in Folge 4 erkunden werden.
Stichworte
Argentinischer Tango, Goldenes Zeitalter, Buenos Aires, Orquestas típicas, Juan D'Arienzo, Carlos Di Sarli, Osvaldo Pugliese, Aníbal Troilo, Milongas, Tango canción, Perón-Ära, Bandoneon, Tango-Geschichte, Argentinische Musik, Kulturgeschichte, Sozialgeschichte, Tango-Orchester, 1930er Jahre, 1940er Jahre, Tango-Interpreten, La Yumba, Tango-Rhythmus, Kulturpolitik, Musikalisches Erbe
Historische Quellen und Literatur:
Castro, Donald S. (1991): The Argentine Tango As Social History, 1880-1955: The Soul of the People. Edwin Mellen Press.
Castro, Donald S. (1991): The Argentine Tango As Social History, 1880-1955: The Soul of the People. Edwin Mellen Press.
- Link, Kacey & Wendland, Kristin (2016): Tracing Tangueros: Argentine Tango Instrumental Music. Oxford University Press.
- Clark, Walter Aaron (Hrsg., 2024): The Cambridge Companion to Tango. Cambridge University Press.
- Benzecry Sabá, Gustavo (2011): The Quest for the Embrace: The History of Tango Dance 1800-1983.
- Academia Nacional del Tango (Buenos Aires): https://www.anacionaldetango.org.ar
- Tango.info – historische Tango-Datenbank: https://www.tango.info
Archive und Multimedia:
- Todo Tango - Archivo Digital de Tango: https://www.todotango.com
- Leider sind die Institutionen, Ressourcen etc. nicht mehr im Netz nicht erreichbar oder werden aus Sicherheitsgründen blockiert.
Weiterführende Links:
- UNESCO Intangible Cultural Heritage – Tango: https://ich.unesco.org/en/RL/tango-00258
- Museo Casa Carlos Gardel (Buenos Aires): https://museocasacarlosgardel.buenosaires.gob.ar
Produktion: GfA – Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V., TG Kunst und Kultur
Transkript
Hallo und herzlich willkommen zur dritten
Folge von GFA Kulturwelten über den
argentinischen Tango. Ich bin Brigitte und
ich freue mich wirklich, dass ihr wieder
dabei seid. In der letzten Folge haben wir
uns ja die Wurzeln des Tangos angeschaut,
diese faszinierende Mischung aus
europäischen Einwanderern,
afro-argentinischen Rhythmen und dem Leben
in den Armenvierteln von Buenos Aires. Wir
haben gesehen, wie aus dieser kulturellen
Schmelztigel-Situation etwas völlig Neues
entstanden ist. wie der Tango von den
Bordellen und Hafenkneipen langsam seinen
Weg in die Salons fand. Erst über den
Umweg Paris, dann zurück nach Buenos
Aires, aber diesmal in die besseren
Viertel. Heute machen wir einen Sprung in
die Zeit, wo der Tango einfach überall
war. Die Zeit zwischen 1935 und 1955. Das
sogenannte goldene Zeitalter des Tangos.
Und ich muss ehrlich sagen, als ich
angefangen habe, mich damit zu
beschäftigen, habe ich erst verstanden,
was das wirklich bedeutet. Ein goldenes
Zeitalter. Das war nicht nur eine
besonders produktive Phase oder so. Nein,
das war eine Zeit, wo Buenos Aires
praktisch im Rhythmus des Tangos geatmet
hat. wo an jedem Abend Hunderte von
Milongas stattfanden, wo jeder Radiosender
Tango spielte, wo die großen
Orchester-Stars waren, wie heute, keine
Ahnung, wie Taylor Swift oder so. Aber
bevor wir richtig einsteigen, was kommt
eigentlich in Folge 4? Da werden wir uns
den Niedergang des Tangos anschauen, aber
auch das große Revival. Astor Piazzolla
und der Tango Nuevo, die
UNESCO-Anerkennung und wie der Tango heute
wieder als lebendige Kunstform weltweit
präsent ist. Also, es gibt noch viel zu
entdecken. Aber jetzt, jetzt tauchen wir
ein in diese magische Zeit, wo der Tango
zur Seele Argentiniens wurde. Die Bühne.
Buenos Aires in den 1930er Jahren. Stellt
euch mal vor, Buenos Aires, Mitte der
1930er Jahre. Die Stadt ist riesig
geworden, über zwei Millionen Menschen
leben dort. Die Einwanderungswelle ist
vorbei, aber ihre Spuren sind überall, in
der Sprache, im Essen, in der Musik. Und
gleichzeitig ist da so eine Melancholie in
der Luft. Die Weltwirtschaftskrise hat
auch Argentinien getroffen, die politische
Situation ist instabil, viele Menschen
haben mit Armut zu kämpfen. Und genau in
dieser Atmosphäre, dieser Mischung aus
urbaner Dynamik und existenzieller
Unsicherheit, blüht der Tango auf wie nie
zuvor. Das ist ja auch das Faszinierende.
Der Tango war nie einfach nur
Unterhaltung. Er war, wie soll ich sagen,
er war eine Form, mit der Realität
umzugehen. Ein Ventil, ein Ausdruck von
Sehnsucht, von Schmerz, aber auch von
Lebensfreude und Würde. Was sich in dieser
Zeit verändert, ist die
Professionalisierung. Die großen
Orchesters Typikas entstehen. Das sind
diese klassischen Tango-Orchester mit
Bandoneons, Violinen, Klavier, Kontrabass.
Und jedes dieser Orchester hatte seinen
eigenen Stil, seine eigene Klangfarbe. Die
Leute kannten die Unterschiede genau. Sie
hatten ihre Favoriten. Die Giganten, Juan
D'Arienzo und der Rhythmus. Einer der
ersten großen Namen, über den ich sprechen
möchte, ist Juan D'Arienzo. Der Mann wurde
El Rey del Compás genannt, der König des
Rhythmus. Und dieser Titel kam nicht von
ungefähr. D'Arienzo hat in den späten
1930ern etwas gemacht, was viele für
unmöglich hielten. Er hat den Tango wieder
zum Tanzen gebracht. Klingt komisch, oder?
Aber das Problem war, dass der Tango in
den frühen Dreißigern immer komplexer,
immer kunstvoller wurde. Wunderschön zum
Zuhören, aber schwierig zum Tanzen. Die
Orchester wurden größer, die Arrangements
ausgefeilter, aber die Tanzflächen leerten
sich langsam. D'Arienzo sagte, Moment mal,
der Tango ist eine Tanzmusik. Und er ging
zurück zu einem klaren, starken Rhythmus.
Sein Stil war schnell, energiegeladen, mit
einem unglaublich präzisen Beat. Das
Klavier war sehr präsent, fast perkussiv,
die Violinen scharf und brillant. Wenn
sein Orchester spielte, konnten die Leute
einfach nicht still sitzen. Ich habe mir
neulich eine seiner Aufnahmen angehört, La
Cumparsita von 1937, ich glaube, die war
das. Und man merkt sofort, das ist Musik,
die zum Körper spricht, nicht nur zum
Kopf. Das ist pure Energie. Und die
Tanzflächen waren wieder voll.
Interessanterweise, und das ist jetzt
vielleicht für Leute spannend, die sich
wie ich mit Systemtheorie beschäftigen,
D'Arienzo hat intuitiv verstanden, was wir
heute als Autopoiesis eines sozialen
Systems beschreiben würden. Der Tango als
System hatte sich in eine Richtung
entwickelt, die seine eigene Reproduktion
gefährdete. Keine Tänzer mehr gleich keine
Nachfrage gleich kein Tango. D'Arienzo hat
das System sozusagen neu justiert, zurück
zu seiner Kernfunktion. Faszinierend, wenn
man darüber nachdenkt. Die Poesie Carlos
Di Sarli Dann gab es Carlos Di Sarli, ein
kompletter Gegenpol zu D'Arienzo und doch
genauso erfolgreich. Di Sarli war Pianist
und sein Stil war elegant, geschmeidig,
fast schwebend. Wenn D'Arienzo Feuer und
Energie war, dann war Di Sarli Wasser und
Seide. Seine Arrangements waren melodisch,
romantisch, mit wunderschönen, lyrischen
Phrasen. Das Klavier führte oft die
Melodie, warm und ausdrucksvoll. Und seine
Musik hatte diese unglaubliche Klarheit.
Jede Note sitzt perfekt, nichts ist zu
viel. Tänzer liebten die Sarli, weil seine
Musik ihnen Raum gab. Sie mussten nicht
dem Rhythmus hinterherjagen wie bei
D'Arienzo. Sie konnten sich in die Musik
hineinfallen lassen, sie interpretieren,
spielen. Es war Tango für die Umarmung,
wenn man das so sagen kann, für die
stillen Momente zwischen zwei Menschen.
Eine seiner bekanntesten Aufnahmen ist
Bahia Blanca. Das ist so ein Stück, wo man
einfach die Augen schließt und sich
vorstellt, wie ein Paar über eine leere
Tanzfläche gleitet, spät in der Nacht,
wenn die Milonga langsam zu Ende geht. Die
Dramatik Osvaldo Pugliese Und dann, dann
gibt es Oswaldo Pugliese. Oh, Pugliese,
das ist noch mal was anderes. Pugliese war
nicht nur Musiker, er war auch politisch
aktiv. Kommunist, wurde dafür mehrmals
verhaftet. Und diese politische
Leidenschaft, diese Intensität, die hört
man in seiner Musik. Sein Stil war
dramatisch. kraftvoll, manchmal fast
gewaltig. Das berühmteste Markenzeichen
seines Orchesters war La Jumba. Dieser
tiefe, pulsierende Rhythmus im Kontrabass,
der wie ein Herzschlag klingt. Bum, bum,
bum, bum. Puglieses Musik ist nicht
bequem. Sie fordert etwas von dir. Sie ist
dunkel, sie ist komplex, sie hat Ecken und
Kanten. Aber genau deshalb ist sie so
unglaublich ausdrucksstark. Sein
bekanntestes Stück, auch »La Jumba«
genannt, von 1946, das ist wie ein
musikalisches Manifest. Es hat diese
unerbittliche Energie, diese Spannung, die
nie ganz aufgelöst wird. Manche sagen, man
kann darin die politischen Kämpfe der Zeit
hören, den Widerstand, die Hoffnung. Was
ich persönlich faszinierend finde,
Pugliese hat den Tango sozusagen
repolitisiert. Erinnert ihr euch an Folge
2? Der Tango kam aus den armen Vierteln,
war Musik der Marginalisierten. Dann wurde
er salonfähig, bürgerlich. Pugliese hat
ihm wieder diese Kante gegeben, diese
Verbindung zu sozialen Kämpfen, ohne dabei
agitprop zu machen, es war einfach in der
Musik selbst. Der Gentleman, Aníbal Troilo
Aníbal Troilo, liebevoll Pichuco genannt,
war einer der beliebtesten Bandleader
seiner Zeit. Und das aus gutem Grund. Er
war ein Meister des Bandoneons, aber auch
ein wunderbarer Arrangeur, der
traditionelle und moderne Elemente perfekt
balancieren konnte. Troilo hatte ein
unglaublich gutes Gespür für Melodien und
für Sänger. Viele der besten Tango-Sänger
haben mit ihm gearbeitet. Francisco
Fiorentino, Alberto Marino, Edmundo
Rivero. Und er hatte diesen warmen,
herzlichen Sound, der die Leute einfach
mochten. Was vielleicht nicht jeder weiß,
Troilo war auch Mentor von Astor
Piazzolla, über den wir in der nächsten
Folge sprechen werden. Piazzolla spielte
in Troilos Orchester Bandoneon und obwohl
die beiden später musikalisch sehr
unterschiedliche Wege gingen, blieb Troilo
für Piazzolla immer eine wichtige
Referenz. Ein Stück wie Garoua, das ist
typisch Troilo, melancholisch, aber nicht
schwermütig, elegant, aber nicht
distanziert. Es hat diese Menschlichkeit,
die seine Musik ausmacht. Die Stimme, die
Sänger des goldenen Zeitalters. Jetzt habe
ich viel über die Orchester geredet, aber
natürlich dürfen wir die Sänger nicht
vergessen. Denn in dieser Zeit wurde der
Tango Canción, der gesungene Tango, immer
wichtiger. Carlos Gardel war ja schon in
den Zwanzigern und frühen Dreißigern der
große Star gewesen, bevor er 1935 bei
diesem tragischen Flugzeugabsturz ums
Leben kam. Aber seine Tradition lebte
weiter in Sängern wie Alberto Castillo,
Carlos Dante, Ángel Vargas, Roberto
Rufino. Die Texte wurden komplexer,
poetischer. Sie erzählten Geschichten aus
dem Leben, von Liebe und Verlust, von
Verrat und Treue, von
Kindheitserinnerungen und verlorenen
Träumen. Der Lunfardo, diese Slang-Sprache
der Straße, wurde zur Kunstsprache. Ein
Sänger, den ich besonders mag, ist Edmundo
Rivero. Der hatte diese tiefe, rauchige
Stimme, die klang nach Buenos Aires in den
40ern, nach Zigarettenrauch und späten
Nächten in den Cafés. Er hat später auch
gesungen, Aber seine Aufnahmen mit Treulow
aus den 40ern sind einfach magisch. Das
soziale Leben, die Milongas. Aber was
bedeutete das alles konkret für die
Menschen? Wie hat sich dieses goldene
Zeitalter angefühlt? Also, die Milongas,
die Tanzveranstaltungen, waren überall.
Jedes Viertel hatte mehrere. Es gab
elegante Clubs in der Innenstadt, aber
auch einfache Nachbarschaftsräume in den
Barrios. An einem guten Wochenende konnte
man theoretisch jede Nacht woanders
hingehen. Und das war nicht nur
Freizeitvergnügen. Die Milongas waren
soziale Institutionen. Dort hat man
Freunde getroffen, Geschäfte gemacht,
Partner kennengelernt. Dort wurde Klatsch
ausgetauscht und Mode zur Schau gestellt.
Dort konnte ein Arbeiter für ein paar
Stunden vergessen, wie hart sein Leben war
und sich elegant fühlen. Es gab diese
Codes, diese Rituale, das Cabeceo, diese
spezielle Art, mit einem Nicken zum Tanz
aufzufordern, ohne direkt hingehen zu
müssen und riskieren, abgelehnt zu werden.
Die Cortinas, die Musikpausen zwischen den
Tandas, den Tanzsets. Das ganze System von
Höflichkeit und Respekt auf der
Tanzfläche. Und interessanterweise war das
auch ein Raum, wo soziale Grenzen ein
bisschen durchlässiger wurden. Natürlich
gab es immer noch Klassenunterschiede, die
teuren Clubs versus die einfachen Salons.
Aber auf der Tanzfläche? Da zählte, wie
gut du tanzen konntest. Da hatte ein
armer, aber brillanter Tänzer mehr
Prestige als ein reicher, aber
ungeschickter. Die politische Dimension
Perón und der Tango Jetzt wird's
politisch. Ab 1946 kommt Juan Domingo
Perón an die Macht, zusammen mit seiner
charismatischen Frau Eva Perón, Evita. Und
die beiden? Die haben den Tango umarmt wie
nie eine Regierung zuvor. Warum? Naja,
Perron war ein Populist im ursprünglichen
Sinne. Er wollte die Arbeiterklasse
mobilisieren, wollte nationale Identität
stärken. Und was verkörperte Argentinien
besser als der Tango? Das war doch das
kulturelle Symbol schlechthin, und es kam
aus dem Volk, nicht von der Elite. Also,
Staatsförderung für Tango-Orchester, Tango
im Radio, Tango in den Kinos. Künstler,
die regimefreundliche Texte schrieben,
wurden bevorzugt. Aber gleichzeitig – und
das ist wichtig – viele Tango-Texte wurden
auch kritischer, sozialkritischer. Weil
Perón ja auch für soziale Reformen stand,
für Arbeiterrechte, für Umverteilung. Das
war eine komplizierte Beziehung.
Einerseits wurde der Tango
instrumentalisiert, andererseits bekam er
auch Raum und Unterstützung wie nie zuvor.
Und die Künstler, die manövrierten
dazwischen, versuchten ihre Autonomie zu
bewahren, mussten aber auch mit dem Regime
klarkommen. Ein Beispiel. Enrique Santos
Diszepolo, großartiger Komponist und
Textdichter, wurde 1950 Bürgermeister von
Buenos Aires unter Perón. Seine Texte
waren immer sozial engagiert gewesen, über
Armut, über Ungerechtigkeit. Jetzt war er
Teil des Systems. Manche warfen ihm vor,
sich verkauft zu haben. Andere sagten, er
versuchte einfach, von innen etwas zu
bewegen. Das sind diese Ambivalenzen, die
Geschichte so faszinierend machen, oder?
Nichts ist schwarz-weiß. Die Musik als
Archiv, was uns die Aufnahmen erzählen.
Ihr wisst, was ich wirklich beeindruckend
finde? Dass wir von dieser Zeit so viele
Aufnahmen haben. Das ist ein unglaubliches
Archiv, ein akustisches Gedächtnis dieser
Epoche. Die Aufnahmetechnik war damals
natürlich noch sehr einfach im Vergleich
zu heute. Aber gerade deshalb haben diese
Aufnahmen so einen Charakter. Man hört die
Räume, man hört die Energie des Moments.
Manchmal hört man Fehler, kleine
Ungenauigkeiten. Und genau das macht es
menschlich, lebendig. Ich habe vor ein
paar Wochen stundenlang auf verschiedenen
Archivseiten gehört. Und was mir
aufgefallen ist, man kann hören, wie sich
die Stadt verändert, wie sich die Stimmung
wandelt. Die frühen Dreißiger haben noch
diesen Jazz-Einfluss manchmal, diese
Experimente. Die späten Dreißiger, frühen
Vierziger werden rhythmischer,
energischer. Das ist die D'Arienzo-Welle.
Dann Mitte der Vierziger wird's wieder
lyrischer, emotionaler. Und Ende der
Vierziger, frühe Fünfziger, da kommt schon
so eine Vorahnung vielleicht, dass es
nicht ewig so weitergehen kann. Geschichte
ist eben nicht nur in Büchern, sie ist in
Klängen, in Rhythmen, in Melodien. Das
Ende einer Ära. Und dann, 1955, kam der
Militärputsch gegen Peron. Und damit
begann das Ende des goldenen Zeitalters.
Die neue Regierung sah den Tango als
peronistisches Symbol. Künstler wurden auf
schwarze Listen gesetzt, Milongas wurden
geschlossen, öffentliche Versammlungen
streng kontrolliert. Gleichzeitig kam
Rock'n'Roll aus den USA und die junge
Generation, die wollte etwas Neues, etwas
Eigenes, nicht die Musik ihrer Eltern. Der
Tango wurde plötzlich alt, out, verstaubt.
Von Mitte der 50er bis in die 80er gab es
zwar noch Tango, klar, aber nicht mehr
diese gesellschaftliche Allgegenwart,
diese zentrale Rolle. Es war, als ob ein
Licht ausgegangen wäre. Aber, und das ist
wichtig, die Musik blieb, die Aufnahmen
blieben. Die Menschen, die den Tango
liebten, hielten ihn am Leben, auch wenn
er nicht mehr im Mainstream war. Kleine
Clubs, treue Gemeinschaften, die weiter
tanzten, weiter spielten. Und genau davon
werden wir in der nächsten Folge sprechen.
Wie der Tango überlebte, wie er sich neu
erfand, wie Astor Piazzolla kam und alles
auf den Kopf stellte. Und wie in den 80ern
das große Revival begann. Schluss, was
bleibt. Also, was nehmen wir mit aus
dieser Reise ins goldene Zeitalter? Für
mich ist es vor allem das. Der Tango war
in dieser Zeit nicht einfach nur Musik
oder Tanz. Er war ein komplettes soziales
System, eine Lebensform, eine Art zu sein.
Er hat Menschen verbunden über
Klassengrenzen hinweg, er hat Identität
gestiftet, er hat Gefühlen Ausdruck
gegeben, für die es sonst keine Worte gab.
Und er zeigt auch, das finde ich wichtig,
wie Kunst und Politik zusammenhängen, ohne
dass das eine das andere dominieren muss.
Wie Kultur sowohl vom Volk kommt, als auch
vom Staat gefördert werden kann. wie sie
beides ist, autonom und eingebettet. Die
großen Orchester dieser Zeit, D'Arienzo,
Di Sarli, Pugliese, Troilo und all die
anderen, die ich hier nicht alle nennen
konnte, die haben uns ein Erbe
hinterlassen, das heute noch lebendig ist.
Wenn irgendwo auf der Welt eine Milonga
stattfindet, in Berlin oder Tokio oder
Melbourne, dann spielen sie meistens Musik
aus dieser Epoche. Das ist kulturelle
Kontinuität über Generationen und
Kontinente hinweg. Beeindruckend, oder?
Ich hoffe, ihr hattet Spaß bei dieser
Folge. In Folge 4 geht's weiter mit dem
Niedergang, der Transformation und dem
großen Comeback. Astor Piazzolla wartet
schon. Bis dahin bleibt neugierig, bleibt
offen für neue Klänge und alte
Geschichten. Das war Brigitte für GFA
Kulturwelten. Macht's gut!